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Die Gemeinde – was ist das?

In diesem Jahr am 27. November 2016 werden die Kirchengemeinderäte innerhalb der Gemeinden der Nordkirche durch Wahl neu zusammengesetzt. Der Kirchengemeinderat ist das Leitungsgremium der Gemeinden. Er vertritt die Interessen der Gemeindeglieder, entscheidet für die Gemeinde und gestaltet sie.

Was ist eigentlich eine Gemeinde? „Adelby – meine Kirchengemeinde ...“ - was heißt das eigentlich? Was macht eine Gemeinde aus? Worin besteht der Unterschied zwischen „Mitglied in der Kirche“ sein und „(in der) Gemeinde“ leben?

Als wir diese Ausgabe des Kirchenboten im Redaktionsausschuss planten, kamen im Zusammenhang mit der anstehenden Wahl genau solche Fragen auf. In diesem Artikel möchte ich Licht in das Dickicht bringen.

Grundsätzliche Auskunft darüber, worin die zentralen Aufgaben einer Kirchengemeinde bestehen, erfährt man, wenn man die Verfassung unserer Nordkirche zur Hand nimmt:

„1. Die Kirchengemeinde trägt Sorge dafür, dass das Evangelium den Menschen in ihrem Bereich verkündigt wird und sie sich um Wort und Sakrament sammeln.

2. Dies geschieht in vielfältiger Weise, insbesondere durch Gottesdienst, Gebet, Kirchenmusik, Kunst, Bildung und Unterricht, Erziehung, Seelsorge, Mission und Diakonie als Dienst christlicher Liebe an allen Menschen.

3. Über ihre eigenen Grenzen hinaus stärkt sie die Verantwortung für das Zusammenleben der Menschen.

4. Zusammen mit den anderen Kirchengemeinden ist sie berufen zum missionarischen Dienst für die Welt und zur Stärkung der ökumenischen Gemeinschaft der Christenheit.“ (Artikel 19, Verfassung der Nordkirche)

Um diese ganz allgemeine Beschreibung etwas konkreter zu fassen, möchte ich ganz vorn anfangen:

Der deutsche Begriff „Gemeinde“ leitet sich ab von dem griechischen Wort „ekklesia“ aus dem Neuen Testament und bedeutet: „Versammlung“ oder auch „Gruppe, der Herausgerufenen“. Später ist Ekklesia mehrheitlich mit „Kirche“ übersetzt worden, wodurch die begriffliche Vermischung von „Kirche“ und „Gemeinde“ befördert wurde. Im christlichen Sprachgebrauch hat sich der Begriff Gemeinde besonders stark durchgesetzt, weil Luther ekklesia konsequent durch Gemeinde übersetzt. Er hielt das Wort Kirche für ein „blindes undeutliches Wort“.

Doch auch der Begriff der Gemeinde selbst zeichnet sich durch Diffusität aus. Er vereint in sich verschiedene Ebenen und Aspekte: Er ist sowohl ein empirischer Ordnungsbegriff für eine Struktur, er ist eine Rechtsgröße, aber auch eine theologische Vorstellung und damit ein Glaubensbegriff für eine geistige Größe.

Wenn ich also sage: „Adelby ist meine Kirchengemeinde!“ bedeutet das zum einen: Ich wohne in der Taruper Hauptstraße und gehöre damit aufgrund meines Wohnortes zu der Ordnungsgröße „Kirchengemeinde Adelby“. Hier bin ich als Kirchenmitglied gemeldet. Die Gemeinde ist die kleinste strukturelle Ebene innerhalb der Evangelischen Kirche. Sie ist Teil des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg, der wiederum Teil unserer Landeskirche, der Nordkirche ist. Die 20 Landeskirchen haben als übergeordnete strukturelle Größe die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Diese Zugehörigkeit durch den Wohnort nennt man das parochiale Prinzip. Dadurch wird gewährleistet, dass sich jedes Kirchenmitglied auch einer Ortsgemeinde zuordnen und dann im günstigen Fall auch zugehörig fühlen kann. Dabei hat jeder jedoch das Recht, durch einen formellen Akt – genannt „Umgemeindung“ - die Gemeinde auch vom Wohnort unabhängig zu wählen.

Neben diesem Prinzip der Parochie, der Ortsgemeinde, weist der Begriff der Gemeinde zum anderen jedoch weit über seine geographische Begrenzung hinaus. Gemeinde erschöpft sich nicht in diesen erfassbaren, messbaren Fakten, sondern „meine Kirchengemeinde Adelby“ ist trotz ihrer strukturellen Grenzen eben nicht begrenzt. Die Gemeinde Gottes scheint in ihr auf und ist – unsichtbar – präsent. Neben der kleinen, partikularen Gemeinde vor Ort gibt es die weltumspannende, universale Größe der Gemeinde Gottes. Und das ist eine Aussage des Glaubens, die ihre Wurzeln darin hat, warum wir uns eigentlich als Christinnen und Christen in unserer Praxis des Glaubens als Gemeinschaft zusammenfinden. Gott stiftet diese Gemeinschaft – durch seinen Sohn und den Heiligen Geist, und sie sprengt jede Struktur. So schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer (Kapitel 8), dass der Geist Gottes die Menschen zur Gemeinde ruft. In der kleinen partikularen Gemeinde vor Ort steckt oder versteckt sich die universale Gemeinde Gottes.

Die Gemeinden vor Ort sind in ihren Erscheinungsformen immer dem historischen und gesellschaftlichen Wandel unterworfen und durch ihn geprägt. Seitdem es Gemeinden gibt, gibt es auch die Veränderung in ihnen, durch Personen und Strukturen. Das ist wichtig und gewollt. Doch was unverändert bleibt, ist der Ausgangspunkt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Das sagt Jesus und ist wiederum treibende Kraft, Gemeinde zu gestalten, das Wort Gottes unter die Menschen zu bringen, die Arbeit Gottes – seine Gemeinde lebendig zu erhalten – zu unterstützen.

Träume sind wichtig und Visionen, wie wir Gemeinde Gottes sein wollen – hier bei uns vor Ort, ganz konkret. Viele Gemeinden durchlaufen dafür den Prozess der sogenannten „Leitbildentwicklung“. Was macht uns aus? Wo wollen wir hin? Was sind unsere Visionen?

In dem Spannungsfeld zwischen den pragmatischen strukturellen Bestimmungen einer Ortsgemeinde und der geistigen Dimension sollte eine Gemeinde sich einen Raum für Visionen erlauben, die vielleicht auch manchmal weit entfernt sind von der Realität. Darüber ins Gespräch zu kommen jenseits von Struktur- und Finanzdebatten ist wichtig. Hier erkennen wir als Gemeinde im günstigen Fall unsere Kraft und ihre Möglichkeit, in die Welt hinein zu strahlen. Visionen befähigen zum Handeln. Die Kirche mit ihren Gemeinden ist mehr als ein Bankrott-Unternehmen, mehr als ein sinkendes Schiff, das es in diesen Zeiten des allgemeinen Abgesangs auf alles, was irgendwie nach Kirche riecht, zu retten gilt. Die Gemeinde Gottes hat schon ganz andere Krisenzeiten durchgestanden.

Wenn ich die Augen schließe und meine Gemeinde träume, dann kann ich mich anschließen an ein Gemeindekonzept, das in den Niederlanden entwickelt worden ist. Darin wird Gemeinde als „Herberge“ geträumt:

Im Mittelpunkt steht der Begriff der gastfreundlichen Begegnung: Begegnung mit Gott, Begegnung untereinander, Begegnung mit der Gesellschaft. Gemeinde als Herberge begreift sich als offene Kirche für alle. Sie ist Kirche am Wegesrand der Gesellschaft. Die Gäste stehen im Mittelpunkt und sie sind frei. Die Gemeinde öffnet sich für Gäste. Gastfreundschaft bedeutet also nicht nur, dass Freunde und Glaubensgenossen willkommen sind, sondern auch und gerade die Fremden. Barrieren werden entfernt, die Gäste daran hindern, am Dienst und an der Gemeinschaft und am Umgang mit Gott teilzunehmen. Die Gemeindeglieder sind beieinander zu Gast. D.h. es ist nicht festgelegt, wer bei wem zu Gast ist, denn wir als Gemeinde sind nicht Gastgeber und damit Besitzer der Herberge. Gott ist der Gastgeber, es ist die Herberge Christi, wir sind selbst Gäste. Gemeindeglieder sind damit auch Fremde. Und: Der Gast ist frei. Die Kirche, die Herberge, will den Gast nicht festhalten. Die Gastgeber verstecken sich dabei nicht. Sie verbergen sich nicht in Neutralität, sondern sie geben Einblick in ihre Lebensweise, Ideen und Meinungen. Sonst ist kein Austausch möglich. Das Symbol der Gastfreundschaft ist der Runde Tisch. Und diese Gastfreundschaft ist eine Haltung, keine neue Aufgabe!

Wie und was auch immer Sie träumen, lassen Sie uns ins Gespräch kommen und den Geist Gottes in seiner Gemeinde wehen – laut und bunt!

Anja Stadtland