Die Kirche St. Johannis Adelby
Historisches rund um Adelby PDF Drucken E-Mail

Ein Video aus der Winterzeit mit Außen und Innenaufnahmen

Ein Faltblatt zur Ansicht gibt es hier.

St. Johannis zu Adelby -

der Kirchenbau und die Baugeschichte

Auf einem kleinen Hügel gelegen, ist die St. Johanniskirche zu Adelby weithin sichtbar. Keine anderen Bauten versperren die Sicht, allenfalls einige Bäume an den Straßenrändern. Wer sie zum ersten Mal sieht, gewinnt den Eindruck einer kleinen, anheimelnden Dorfkirche wie aus einem Guss, die die Jahrhunderte ohne große Veränderungen überstanden hat. Mit den weißgetünchten Mauern, den Bogenfenstern, den roten Dachziegeln und dem massiven Turm mit dem grünleuchtenden Kupferdach und dem goldenen Wetterhahn strahlt sie eine freundliche Ruhe, Helligkeit und Beständigkeit aus. Die Lage inmitten des Friedhofs und das passende Ensemble mit den Friedhofstoren und dem reetgedeckten Pastorat vervollständigen den idyllischen Eindruck, der sicher zu ihrer Beliebtheit bei Besuchern, Gemeindemitgliedern und Nut

Die Kirche Adelby

zern auch aus anderen Gemeinden beiträgt. Wie und wann ist dieser Bau entstanden?

Deutlich sichtbar sind die rundlichen, unbehauenen Feldsteine, die die Grundmauern bilden und die ursprünglichen Maße des Bauwerks anzeigen. Ursprünglich war die Kirche viel kleiner und hatte einen frei stehenden hölzernen Glockenturm wie z.B. die Kirche in Kleinsolt/Freienwill. In Angeln gehört sie zu den ältesten Kirchen, sie wurde um 1200 in spätromanischem Stil  in ländlicher Umgebung am Rande einer sich entwickelnden Stadt aus Feldsteinen erbaut. Sie ist älter als die gegenwärtigen Stadtkirchen Flensburgs, aber jünger als etwa die Kirchen in Husby, Munkbrarup oder Sörup. Die gleichnamige Johanniskirche im Johannisviertel am Ende der Förde wurde als Filialkirche - einer Tochterkirche ohne eigenen Priester - nach dem Vorbild der Adelbyer Kirche erbaut.   Das alte Kirchspiel Adelby umfasste ursprünglich die Orte Adelby, Adelbylund, Tastrup, Engelsby, Tarup, Fruerlund, Twedt, Trögelsby, Sünderup, Jürgensby und Mürwik. Durch das Bevölkerungswachstum vor allem im 18. Jahrhundert wurde die Kirche zu klein für die Gemeinde. 1726 wurde der hölzerne Glockenturm abgerissen und durch einen viereckigen Turm aus behauenen Quadersteinen ersetzt. Die Wände des Kirchenschiffs wurden bis an den Turm herangezogen und noch ein Stück darüberhinaus, damit konnte er in das Kirchenschiff integriert werden. Mit Ziegelsteinen wurde die Kirche erhöht und nach Osten verlängert, so dass 1780 eine Saalkirche entstand. Die Bauleitung hatte der Flensburger Maurermeister Walter. Diese großen Umbauten waren sehr kostspielig und konnten nur durch den gestiegenen Wohlstand der Bürger finanziert werden.  An der Art der verbauten Steine, die die Kirchengemeinde mit der Erlaubnis des Königs der Stadt Flensburg abgekauft hatte und die vom Abbruch des Flensburger Stadtturms stammen, sind die Anbauten von außen deutlich zu erkennen - dort lösen die glatten, behauenen Quader die Feldsteine ab.

Zu Ehren des dänischen Königs Christian VII. als damaligem Patron der Kirche wurde 1775 eine  Sandsteintafel an der Westseite des Turmes mit dem königlichen goldenen Monogramm und  goldener Inschrift auf blauem Grund "Soli Deo Gloria" -  Allein zur Ehre Gottes – angebracht. Im Turm hängen zwei Glocken, die eine läutet seit dem 14. Jahrhundert, die andere ist ein Neuguß und ersetzt eine Glocke aus dem Jahre 1678, die im 1.Weltkrieg 1917 abgegeben werden mußte.

Der barocke Turm mit dem Kupferdach entstand 1785, er wird von einem Wetterhahn gekrönt. Die zwei Sandsteintafeln mit Jacobsmuschelornamenten, den Pilgersymbolen, an der Ostseite stammen von der abgerissenen Kreuzkapelle an der Kappelner Straße (siehe auch Kirchenbote 1/2012). An der Nordseite befinden sich die Eingänge in die Kirche. Durch die "Priestertür" auf der Höhe des Altars hatten und haben die Pastoren direkt und schnell vom Pastorat Zutritt zur Kirche.

Der heutige Haupteingang geht durch das  "Frauenhaus", ein im 15./16. Jahrhundert angebautes Vorhaus mit Stufengiebel. Dort konnten die Wöchnerinnen dem  Gottesdienst zuhören, denn nach der Geburt eines Kindes war es ihnen traditionell sechs Wochen verwehrt, den Kirchraum zu betreten. Dieser Raum diente aber auch als Empfangsraum, hier mußten mitgeführte Waffen abgelegt werden. Beide Eingänge zieren Löwenköpfe als Scheitelsteine. Über dem Eingang hängt eine kleine "Bußglocke" von 1636, mit der die Gläubigen zur Buße gerufen wurden.

Die Kirchenfenster spiegeln die Baustile und Veränderungen wider. Die kleinen romanischen Rundbogenfenster, eins an der Nordseite und drei an der Südfassade stammen aus der Erbauerzeit, die großen auf der Südseite aus der Barockzeit. War die Kirche in alter Zeit eher innen dunkel und mysteriös, wirkt sie seit der Ausbauzeit hell und freundlich, die großen Fenster mit den hellen Glasscheiben lassen die Sonnenstrahlen ungehindert nach innen dringen - bis zur hölzernen Johannisfigur, zum Altar, der Kanzel und auf die Köpfe der Gottesdienstbesucher, sie beleuchten das  große hängende Christuskreuz und die kleinen Emporenbilder. Innen- wie Außenwände sind weiß gekalkt und reflektieren das Licht.

Umfassende Umbauten und Renovierungen gab es 1931 und vor allem 1964/65 unter der Leitung von Pastor Vollstedt und dem Architekten Jäger aus Hamburg sowie dem Restaurator Fry-Teichmühlen aus Ahrensbök. Die Ostempore mit der Orgel im Altarraum wurde abgebrochen und auf die Westseite versetzt. Der Innenraum erhielt ein ganz neues Gesicht: die farbige Holzbalkendecke des Kirchenschiffs führt nun über dem Chor abgetreppt durch die gesamte Kirche. Sie schließt das Kirchenschiff nach oben ab und lenkt den Blick auf die Inschrift „Siehe das ist Gottes Lamm" (Spruch von Johannes dem Täufer) und das frei schwebende Kreuz mit dem lebensgroßen Kruzifix.

 

Kirche ohne Dorf

Wer vom Turm der Adelbyer Kirche den Blick in die Umgebung rundum schweifen lässt, wird dort kein zugehöriges Dorf gleichen Namens entdecken. Wenn es auch vor vielen Jahrhunderten ein solches Kirchdorf einmal gegeben haben mag, so ist dies inzwischen nicht nur untergegangen, sondern sogar sein Name ín Vergessenheit geraten. „Adelby“ ist nämlich gar kein spezifischer Eigenname, vielmehr ein allgemeiner Sachbegriff; er meint ein Altdorf, ein Mutterdorf, aus dem heraus dann Tochterdörfer gegründet wurden. Da solche Neusiedlungen allzu oft heftige Konflikte auslösten - meist um Land - bestimmte der König im Jütischen Landrecht von 1241, dass Ablegerdörfer nur mit Zustimmung der Bauern des Altdorfes angelegt werden dürften. In unserem „Adelby“ scheinen nicht nur Zustimmung und Einvernehmen für eine Aussiedlung geherrscht zu haben, sondern die Bauern werden sich sogar allesamt einig gewesen sein, das Altdorf aufzugeben und sich einzeln im weiteren Umkreis neu niederzulassen. Sie brachen ihre Gebäude im Altdorf ab und bauten sie an günstigerer Stelle neu auf: zwei von ihnen in Adelbylund, ein anderer in Fruerlund, zwei weitere in Tarup und der letzte in Twedt. Diese Hofkomplexe sind im Kern dort bis heute erhalten.

Am Ort des verlassenen Altdorfes blieb lediglich die in den ersten Generationen errichtete Kirche zurück. Sie wurde weiterhin genutzt - anscheinend jedoch ohne ortsansässigen Geistlichen.

Erhalten und weiterhin genutzt blieb auch die Feldmark des Altdorfes. Sie bestand aus intensiv genutzem Acker- und Weideland, das die Bauern in Großfeldern gemeinschaftlich bewirtschafteten; an sie schloss sich in Randlagen das nur extensiv genutzte Gemeinland an, wie Hölzungen, Feuchtland oder minderwertige Böden. Von ihren neuen Höfen aus werden sie auch neues Land hinzugerodet haben, denn darauf deuten die neuen Ortsnamen Adelbylund, Fruerlund (lund altdän. = Gehölz) und Tarup (thorp altdän. = gerodeter Ort).

Diese Entwicklung ist erst im Nachhinein aus den großen Agrarreformen der Jahre 1766 - 1770 zu erschließen. Damals wurde in den Herzogtümern Schleswig und Holstein die feldgemeinschaftliche Wirtschaftsweise aufgehoben: Die Großfelder an Acker und Weiden sowie das Gemeinland wurden aufgeteilt und den Bauern als einzelne, eigene Koppeln zugewiesen. Sie friedigten diese nun mit lebenden Hecken -den Knicks- ein und konnten sie individuell nach ihrem größten Nutzen bewirtschaften.

Aus den Vermessungs- und Verteilungsakten jener Jahre lässt sich das Altdorf Adelby rekonstruieren: Es war ein Dorf mit sechs Vollbauernhöfen und einer Feldmark –nach heutigen Maßen- von 190 Hektar Nutzland.

Zunächst wurde das Acker- und Weideland der Adelbyer Feldmark aufgeteilt an die von altersher Anteilsberechtigten: Das waren die Bauern von Groß- und Klein-Adelbylund, Fruerlund, Tarup und Twedt, nämlich die Nachfolger der Bauern des verlassenen Altdorfes. Die zu verteilenden Ländereien von etwa 190 Hektar dürften deshalb auch ungefähr der Umfang der alten Feldmark gewesen sein. Diese er-streckte sich von der östlichen Flensburger Stadtgrenze [etwa Hafermarkt] bis an die Wälder des Rudeklosters [heute Forst Glücksburg].

Weiterhin wurden die Eigentumsrechte am Adelbyer Gemeinland geregelt, das die Bauern nicht landwirtschaftlich nutzten, sondern den immer zahlreicher zuwandernden Arbeitsleuten und Landhandwerkern überlassen hatten. Diese hatten ihre kleinen Wohnhäuser –die sogenannten Katen- vor allem am Norder- und Süderhohlweg [heutige Glücksburger und Kappelner Straße] und in Tarup-Kreuz [heute Taruper Hauptstraße Nr.27-50] errichtet. Eigentümer dieser Katengrundstücke aber waren immer noch die Bauern von Groß- und Klein-Adelbylund, Fruerlund, Tarup und Twedt, weil sie ja die Rechtsnachfolger der Bauern des Altdorfes Adelby waren.

In den Jahrhunderten nach der Gründung der Einzelhöfe haben sich diese sehr unterschiedlich entwickelt: Die beiden Adelbylunder Höfe blieben geschlossene Besitze in jeweils einer Hand, Fruerlund und Twedt wurden in je zwei Halbhöfe geteilt und die Taruper Höfe sogar in Viertel- und Sechstelhöfe zerstückelt. Das war größenmäßig eine Spannweite zwischen kleinbäuerlichen Höfen in Tarup und großbäuerlichen in Adelbylund, die zeitweise sogar Adelsprivilegien erlangten.

Keine dieser Höfegruppen entwickelte sich zu einem vollständigen und selbständigen Dorf, wie es die benachbarten Engelsby und Tastrup waren. Die ebenfalls im Kirchspiel liegenden Hofkomplexe Trögelsby, Vogelsang und Sünderup sind erst später und unabhängig vom Altdorf Adelby entstanden.

von Herrn Dr. Reumann

 

Tarup Kreuz: Ein historischer Baukomplex

Wer die Taruper Hauptstraße aufmerksamen Blickes entlang geht, stößt dort gleich östlich des heute verwaisten Marktzentrums auf eine Reihe meist reetgedeckter, erdgeschossiger Häuser. Sie liegen beiderseits der Straße, ihre Firstrichtung verläuft parallel zur Straße, die sich hier teils verengt, teils platzartig erweitert. Wenn man sich dann noch die moderne Wohnbebauung der Umgebung wegdenkt, erscheint diese Häusergruppe als eine kleine, einsame Siedlungsinsel. Sie lag weit entfernt von der Adelbyer Kirche wie auch vom bäuerlichen Dorf Tarup östlich der heutigen Bahnlinie.

Dieses bauliche Ensemble nannten die alten Taruper „beym Creutz“ und schrieben es kurzerhand „beym X“. Auf alten Karten ist es außerdem auch als „St. Jost“ bezeichnet. Beide Bezeichnungen verweisen auf den historischen Ursprung dieser Niederlassung: auf ein kirchliches Gebäude, das durch ein weithin sichtbares Holzkreuz markiert und dem Heiligen Jodocus geweiht war.

Jodocus oder volkstümlich Jost galt in katholischer Zeit als Schutzheiliger der Pilger und Reisenden. Die St. Jost-Kapelle wird daher als ein Hospiz, eine geistliche Herberge, für diejenigen errichtet worden sein, die aus Angeln und von den dänischen Inseln über Flensburg südwärts auf den jütischen Heerweg (Ochsenweg) strebten, um nach Santiago di Compostella oder Rom zu pilgern.

Für die Lokalisierung der Kapelle zeichnen sich noch heute eine platzähnliche Erweiterung auf der südlichen Straßenseite sowie die einzigartigen Feldsteinfundamente und die Größe des angrenzenden Hauses Nr. 46 ab. Im Ost- und Westgiebel dieses Hauses signalisierten je eine steinerne Jakobsmuschel – das Symbol der Pilger - den Reisenden die geistliche Raststätte.

Die Kapelle scheint jedoch nicht im erwarteten Umfang besucht worden zu sein, denn sie wurde schon 1464 wieder aufgehoben. Ihr Stiftungsvermögen zog als geistliches Oberhaupt der Bischof von Schleswig ein, um die Brandschäden seiner Domkirche zu beheben; auch der König hatte es beansprucht, weil er als Patron der Adelbyer Kirche daraus das vernachlässigte Kirchengebäude reparieren und - erstmals - ein Pastorat bauen lassen wollte. Er konnte sich aber nicht durchsetzen.

Der St. Jost-Komplex mag dann lange brach gelegen haben, er wurde schließlich - durchaus naheliegend - als weltliches Gasthaus, als „St. Jost-Krog“, wiederbelebt. Als aber 1744 das Hauptgebäude erneuert werden musste, gaben die Pilgermuscheln für die Zeitgenossen keinen Sinn mehr, sie landeten gleichsam im Abbruchmaterial. Wenige Jahrzehnte später erweiterten die Adelbyer ihre Kirche, besonders auch den Chorraum, und verbauten nun die beiden funktions- und herrenlosen Jakobsmuscheln der St. Jost-Kapelle dekorativ in der neuen Ostwand ihrer Kirche, wo sie bis heute erhalten geblieben sind. Einen neuerlichen Aufschwung nahm der Komplex „beym Creutz“ seit etwa 1700, als im ganzen Land die Bevölkerung rasant wuchs und in Gewerbe- und Handelsstädte wie Flensburg drängte. Da die Zuwanderer dort durch ein restriktives Bürger- und Zunftrecht abgewehrt wurden, versuchten sie, sich in den umliegenden Landgemeinden niederzulassen.

Den wohlhabenderen von ihnen überließen die Adelbyer Bauern Teile ihres ungenutzten Gemeinlandes „beym Creutz“, besonders nördlich der Hauptstraße. Der einheitliche Zuschnitt - schmale Straßenfront und tiefe rückwärtige Gartenstreifen - zeugen von einer planmäßigen Anlage in einem Zuge. Diese Zuwanderer errichten dort aus eigenen Mitteln ihre ebenerdigen, oft aneinander gebauten Wohnhäuser und Kleinviehstallungen, die sogenannten Katen.

Dies waren nicht mehr die Katen traditioneller Art, die zu jedem Bauernhof gehörten und einer abhängigen Landarbeiterfamilie überlassen waren. Hier „beym Creutz“ saßen vielmehr selbständige Eigentumskätner. Sie bewirtschafteten lediglich nebenbei einen Hausgarten und hielten sich auf gepachtetem Land eine Kuh. Hauptsächlich lebten sie jedoch von stadtorientierter Gewerbetätigkeit oder Lohnarbeit. Es waren „Seeleute, Mauerleute, Handwerker und Tagelöhner, die eben außerhalb der Stadt Flensburg beym Creuz und auf dem Adelbyer Grundt wohnen, um von den bürgerlichen Lasten frey zu seyn. Sie ernähren sich indessen von den in der Stadt vorfallenden Arbeiten“, wie ein obrigkeitlicher Bericht nicht ganz wohlwollend kritisierte.

Damals entstanden in Tarup-Kreuz 18 solcher Katen, so dass mit etwa 100 Einwohnern zu rechnen ist - wahrscheinlich sogar erheblich mehr. Denn sobald Absatz und Preise, Arbeit und Lohn in Flensburg einmal nicht mehr florierten, sahen diese Kätner sich genötigt, ihre Häuser in Halb- bis Viertelkaten zu teilen oder gar gegen ein Entgelt Mietlinge, die sogenannten Insten, in ihre Wohnungen aufzunehmen. Dadurch wohnten am Kreuz schon nach wenigen Jahrzehnten etwa 100 Familien - was eine Verfünffachung der Personen wäre.

Diese Entwicklung verschob das ländliche Sozialgefüge: Die Bauern gerieten in die Minderheit, die Kätner und Insten zur überwältigenden Mehrheit. Deshalb wiesen die Adelbyer Bauern am Kreuz keine neuen Katengrundstücke mehr aus und unterbanden jede weitere Niederlas-  sung.

Tarup-Kreuz hat seine bauliche Geschlossenheit und historische Eigengestalt bis heute bewahrt. Keine der Katen, wie eng sie auch am Durchgangsverkehr liegen, hat einer modernen Straßenbegradigung und -verbreiterung weichen müssen. Die nun im Bau befindliche Ortsumgehung verspricht, dass der Bestand der jahrhundertealten Bausubstanz und Gesamtanlage hier auch weiterhin gesichert ist.

von Herrn Dr. Reumann

 

Adelby – ein Kirchspiel und seine Bewohner

Eigentlich will jeder Mensch einmal im Leben seine Herkunft kennenlernen. Er will wissen, wer waren seine Vorfahren, wo und wie haben sie gelebt. Eltern und Großeltern wird jeder kennen, über das Leben der Urgroßeltern – oder noch weiter zurück – wird es schwierig, Lebensgeschichten

von heute noch lebenden Personen zu erhalten. Zu Zeiten unserer Urgroßeltern war die Mobilität, wie sie heute zu unserem Leben gehört, noch sehr eingeschränkt. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass mancher Leser dieser Zeilen auch Urgroßeltern im alten Kirchspiel Adelby

oder seiner Umgebung hatte. Unsere Adelbyer Kirche war in früheren

Zeiten für ein verhältnismäßig großes Gebiet zuständig. Taufen, Konfirmationen, Heiraten und Begräbnisse aller Bewohner wurden von der Kirche vorgenommen und im Kirchenbuch notiert. Zu damaliger Zeit bis 1876 gab es noch keine staatlichen Standesamtsregister. Der Zuständigkeitsbereich der Kirche Adelby reichte über Tarup und Kreuz im Süden bis Tastrup, im Norden bis Twedterholz mit Solitüde und über Sünderup, Fruerlund bis an die damalige Flensburger Stadtgrenze mit der Ballastbrücke und St.-Jürgen-Straße. Man stelle sich vor, welche Mühen unsere

Vorfahren aufbringen mussten, um (ohne Auto und gut ausgebaute Straßen) zur Taufe eines Kindes mit den Paten von der Ballastbrücke bis zu unserer Kirche zu marschieren. Das Kirchspiel Adelby erlebte zwischen 1750 und 1850 einen Bevölkerungszuwachs, der weit über dem schleswigholsteinischen Durchschnitt lag. 1746 bezifferte Pastor Hinrichsen die Zahl seine "Seelen" auf 1.061 Erwachsene und 653 Jugendliche, 1840 zählte Pastor Jensen dann bereits 2.699 Erwachsene und 610 Jugendliche. Dieser Anstieg führte damals zu einer für das Kirchspiel eigentümlichen Schwerpunktverlagerung: Über die Hälfte der Bewohner war nicht mehr in der Landwirtschaft tätig, sondern wohnte nun stadtnah in St. Jürgen und am Norder- und Süderhohlweg (heutige Glücksburger und Kappelner Straße). Ihre Erwerbstätigkeit war auf die Stadt Flensburg orientiert als Seeleute, Handwerker, Arbeitsleute und Dienstboten. Um einen Eindruck von den Menschen zu bekommen, für die unsere Adelbyer Kirche zuständig war, kann man im Internet viele frühere Bewohner finden. In vergangenen Zeiten wurden schon Volkszählungen durchgeführt und die Unterlagen sind noch erhalten, z. B. Für die Jahre 1803 oder 1845 aus dem Kirchspiel

Adelby. Im ersten Moment mag die Darstellung etwas spröde erscheinen, wer sich jedoch die Mühe macht, die Einwohner, ihre Berufe, ihre Kinder, ihre im Haus arbeitenden Dienstboten und ihre Nachbarn einmal genau anzusehen, wird ein gutes Bild über die damaligen Bewohner und ihre Lebensverhältnisse in unserer Heimat erhalten. In Tastrup, Tarup, Engelsby, Twedt, Fruerlund, Sünderup etc. kann die ländliche Struktur und Arbeitswelt mit großen, heute vereinzelnd noch vorhandenen Bauerhöfen erkannt werden. Zusätzlich gab es viele kleine Tagelöhner, die es in vergangenen Zeiten sicher nicht leicht hatten und ihre Arbeit oft im nahe gelegenen Flensburg fanden. Als Beispiel mag die Familie Iwersen aus Fruerlund dienen. Der Besitzer Jürgen Jensen war 1742 Konkurs. Der Hof wurde auf einer Auktion an Peter Iwersen versteigert. In alten Familienunterlagen wird dieser Vorgang wie folgt beschrieben: „Der schöne Besitz Fruerlundhof war zu verkaufen. Als der Verkaufstermin war, kamen viele gut gekleidete wohlhabende Bürger aus Flensburg mit ihren Kutschen nach Fruerlundhof um mit zu bieten. Da kam ein Bauer zu Fuß über die Felder gestapft, mit strohgefütterten derben Stiefeln. Er knallte seine um die Hüften geschnallte "Geldkatze" auf den Tisch und sprach: "Der Hof gehört mir!" - worauf all die vornehmen Herren verdrossen von dannen zogen.“ Die ersten Iwersens kamen aus der Gegend um Großenwiehe. Nachfolgende Generationen haben dann den Osbek-Hof (heute Kirche Mürwik) geführt mit der Ziegelei an der Osbekmündung. Lorenz Cordsen Iwersen heiratete 1889 mit Doris Brodersen in eine bekannte Seefahrerfamilie aus Jürgensby ein, viele Töchter haben in Nachbarhöfe eingeheiratet. Die Nachkommen des ersten Iwersens vom Geestrücken besitzen den Haupthof noch

heute. Es gab auch ganz einfache Leute. So lebte in den 1860er Jahren im Hause des Hinrich Mathiesen in Engelsby-Dorf Nr. 8 ein weit bekanntes Original: Die Milchhändlerin Witwe Stina Winter, eine große robuste Frau, die jedes dritte Wort mit einem Fluch bekräftigte. Ihr Lebenswandel war durchaus nicht einwandfrei; sie hatte 4 uneheliche Kinder, u.a. einen Sohn Martin Ludwigsen.

Sie war eine wenig ansprechende, grobschlächtige Person, ein "Mannweib", das immer die Spottlust der Kinder herausforderte. Genau so gerne aber wie die Kinder spotteten, so fürchteten die Kinder sie auch; denn so grobschlächtig ihr Aussehen war, so grob war auch ihr Wesen.

Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Milchhändlerin. Sie verkaufte die Milch des Hufners Berend Berendsen Engelsby-Dorf Nr. 11 an die Kätner und Insten der Umgebung. Ihr Sohn Martin Ludwigsen wurde wegen Raubmordes hingerichtet. Er hatte eine Frau in Hockerupfeld mit einem Plätteisen erschlagen. Bezeichnend waren seine Worte in der Gerichtsverhandlung: "Hätte meine Mutter mich beten statt fluchen gelehrt, säße ich heute nicht hier".

Vielleicht hat mancher Leser Lust bekommen, nach seinen eigenen Vorfahren zu suchen. Schön wäre es natürlich auch, wenn jemand Berichtigungen oder Ergänzungen beitragen kann.

Quelle: http://www.adelby.com

 

Das ältere Adelbyer Schulwesen

Im Gebiet des ehemaligen Großkirchspiels Adelby hat sich bis heute ein modernes, breit gefächertes Schulwesen entwickelt, das von Gymnasien bis zu Behindertenschulen reicht. In früheren Jahrhunderten gab es hier jedoch nur den einheitlichen Typ ländlicher Elementarschulen; sie waren kirchliche Einrichtungen und standen unter der Regie und Aufsicht der Adelbyer Pastoren. Bei der Kirche stand von alters her das Schulhaus, in dem der Küster zugleich als Lehrer wirkte. Diese Küsterschule war die Hauptschule des Kirchspiels. Wo die Wegentfernung oder die Schülerzahl es erforderten, leisteten die Gemeinden sich Nebenschulen, so in Tastrup, Twedterholz, St.Jürgen und am Norderhohlweg (heutige Glücksburger Straße).

Es waren allesamt zweiklassige Schulen aus einer Unter- und einer Oberklasse mit jeweils etwa 70 Jungen und Mädchen. Erst wenn die Schülerzahl auf über 100 anwuchs, erschien ein zweiter Lehrer nötig, ein „Schulgeselle“, den der Küster bzw. örtliche Schulmeister dann auf eigene Kosten anstellte und anlernte. Oft war dafür ein eigener Sohn die billigste Lösung, zugleich für diesen eine ausreichende Berufsausbildung und meistens sogar schon ein Anrecht auf die Nachfolge. Der erste Lehrer – Thomas Petersen - mit einer dreijährigen Seminarausbildung in Tondern, erhielt 1836 die „Organisten-, Küster- und Schulbedienung zu Adelbye“, während der Tastruper Schulmeister P. Buntzen damals noch einräumen musste, nie auf dem Seminar gewesen zu sein.

Hauptsächlicher Unterrichtsinhalt war die evangelische Katechismuslehre, in der die Schüler die Zehn Gebote, Glaubensbekenntnis, Vaterunser sowie die Frage- und Antwortartikel Luthers erklärt bekamen und vor allem auswendiglernen und aufsagen mussten. Die nützlichen Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen folgten erst im Nachmittagsunterricht. Der Pastor inspizierte regelmäßig den Unterricht und nahm am Ende der Schulzeit das Katechismusexamen ab, das sich in den 1700er Jahren zur Konfirmation entwickelte. Wer diese bestand, dem öffnete sich der Weg in eine handwerkliche Lehre; denjenigen, die mehrfach scheiterten, blieb nur, sich als Dienstboten zu verdingen.

Aus all diesen Umständen dürfen wir uns das Adelbyer Schulwesen vor 300, 200 (200 – 300?) Jahren nicht als allzu nachhaltig vorstellen; das größte Hindernis lag darin, dass damals weder der königliche Amtmann auf der Duburg noch der Adelbyer Pastor und seine beiden bäuerlichen Juraten (Kirchgeschworenen) eine Schulpflicht für alle Kinder und zu jeder Zeit durchsetzen konnten. Während der Sommermonate gaben die meisten Eltern zu ihrer wirtschaftlichen Entlastung ihre älteren Kinder bei den Bauern in Dienst - die Jungs zum Viehhüten und zur Feldarbeit, die Mädchen zum Kinderhüten und zur Hausarbeit. Dort erhielten sie dann Quartier und Verpflegung, am Ende noch ein Paar Schuhe. Dadurch löste sich die Oberklasse von März bis Oktober weitgehend auf und fand sich erst in der Winterschule wieder zusammen, so dass das Schuljahr effektiv auf die vier Monate von November bis Februar schrumpfte.

In der Unterklasse waren die Versäumnisse geringer. Dort pflegten die Eltern ihre Kinder nur in den Wochen zu Hause zu behalten, in denen ein ohnehin schulfreier Festtag lag. So sparten sie dann für die ganze Woche das Schulgeld von 1 Schilling - der Tageslohn eines Adelbyer Handwerkers betrug 18 bis 20 Schilling.

Mit größtem Ernst achtete dagegen der Hausvater des Adelbyer Pflege- und Arbeitshauses darauf, dass seine Armenkinder regelmäßig zur Schule gingen und dann auch bis zur Konfirmation versorgt wurden, denn das war der sicherste Weg, um aus der Armut ihrer Eltern herauszukommen.

Die Schülerzahlen im Kirchspiel Adelby haben sich zwischen 1750 und 1850 etwas mehr als verdoppelt, besonders im stadtnahen Gebiet. Deshalb waren zunächst in St. Jürgen und am Norderhohlweg Nebenschulen eingerichtet worden; schließlich musste auch für die Küsterschule bei der Kirche ein neues, größeres Gebäude errichtet werden, weil sich dort die Unterklasse bei 120 und die Oberklasse bei 90 Schülern eingependelt hatten. Ein anfänglicher Plan, die Überfüllung „durch Absonderung der armen Kinder von der Schule“ zu lösen, fand glücklicherweise beim Pastor und Küster keine Unterstützung und bei den Schulvorstehern keine Mehrheit.

Im Sommer 1835 wurde das neue Schulhaus in einer Größe von – nach heutigen Maßen - etwa 10 x 17 m errichtet. Es wurde in zwei Klassenräume unterteilt und mit maßgefertigten Langtischen und –bänken für jeweils 6 bis 10 Schüler ausgestattet, dazu zwei Lehrerpulte und ein mittiger Torfofen. Die Baukosten von rund 2000 Reichbanktalern wurden auf die landbesitzenden Bauern umgelegt, was diese mit 4 % ihres Grundsteuerwertes belastete. Die kleinen Grund- und Hausbesitzer dagegen, die die große Mehrheit der Bewohner bildeten, blieben von einem Beitrag verschont, zumal diese ja auch erst vor wenigen Jahren zum Neubau des noch heute stehenden Adelbyer Pastorats mit herangezogen worden waren.

Das hier beschriebene ältere Schulwesen endete 1872, als die neue, preußische Regierung an die Stelle der kirchlichen Schulaufsicht eine staatliche setzte. Aus Mangel an staatlichen Schulräten musste die Regierung allerdings noch jahrzehntelang die Pastoren damit beauftragen, die Schulaufsicht fortzusetzen.

Klauspeter Reumann

 

Erntefeiern in Tastrup um 1900

von Klauspeter Reumann

„De Fock“

Zum Zeichen der Freude und auch weil die schwere Arbeit der Ernte beendet war, wird eine Handvoll Hafer- und Gerstenähren mit einigen Feldblumen zu einem Strauß gebunden. Schwere Arbeit war die Ernte insofern, weil das Korn mit der Sense geschnitten wurde und durch Binderinnen zu Garben gebunden wurde. An der kleinen Aufnehmerharke der Binderin, die die letzte Garbe gebunden hatte, wurde dieser Strauß befestigt.

Singend zogen Mäher und Binderinnen nach Hause. Vor der Haustür strich der Vormäher die Sense. Darauf erschien die Bäuerin mit der Branntweinflasche, um jedem den verdienten Trunk einzuschenken. Wurde das Nahen der Mähschar und das Streichen der Sense nicht gehört, oder zeigte sich die Bäuerin geizig, so ging der Vorknecht in den Garten und mähte zur Warnung über die Kohlköpfe hinweg. Erfolgte auch dann noch keine Bewirtung, hatten die Knechte das Recht, den Kohl abzumähen. Nach dem Trunk überreichte die Binderin die letzte Garbe, „de Fock“, und der Vorknecht hielt eine kleine Rede.

Erntefest

Wenn der Bauer ungefähr eingeerntet hatte, banden die Mägde am Vorabend eine Erntekrone. Alle Kornarten wurden hineingebunden. Die Krone besteht aus einem vollen Reifen und zwei halben, die als Bügel über dem vollen Kreis stehen. Die mit bunten Papierbändern geschmückte Krone wurde mit dem vorletzten Wagen auf das Feld gebracht. Knechte und Mägde brachten mit dem letzten Fuder die Erntekrone auf den Hof, wo sie mit einem Spruch dem Bauern überreicht wurde. Die Erntekrone wurde bis zum nächsten Jahr im Hausflur des Bauern aufgehängt. Alle Helfer erhielten darauf einen kleinen Trunk. Das eigentliche Erntefest wurde dann einige Tage später mit allen, die in der Ernte geholfen hatten, gefeiert.

Knechtegilde

In früheren Jahren, besonders vor dem 1. Weltkrieg, wurde in Tastrup, wenn im Frühjahr die Saat in der Erde war, Anfang Mai ein Tag bestimmt, an dem die Knechtegilde stattfinden sollte. Die Pferde wurden besonders gut geputzt und mit Blumen geschmückt. In den Schwanz der Pferde wurde eine Schleife gebunden. Über die Dorfstraßen wurden Girlanden aufgehängt. Nachmittags fand dann das Ringreiten auf dem Schulhof statt. Auf dem Festplatz konnte man an einem Wagen Bonbon, Bananen, Schokolade, Brause und Bier kaufen.

Wurde der Ring geholt, spielte die Kapelle einen Tusch. Wer die meisten Ringe hatte, wurde zum König ernannt. Der König trug zum Zeichen seiner Würde eine rote Schärpe, der zweite Sieger – der Knecht – eine blaue und der dritte Sieger – der Junge – eine weiße Schärpe. Einer der jungen Leute wurde zum Kapitän ernannt.

Nachmittags machten die Reiter mit der Musikkapelle einen Umzug durch das Dorf, voran der König. Bei diesem Umzug wurden alle Dorfbewohner durch den Kapitän mit einem Spruch eingeladen. Der Spruch lautete:

Kommt Leute hört jetzt meine Bitte, / es ist ja eine alte Sitte, / dass wir kommen insgemein, / und laden Euch zur Gilde ein. / Darum kommt alle gern, / Kinder, Frauen und die Herrn. / Sind da junge Mägdelein, / müssen sie auch darunter sein. / Die Junggesellen auch, / dieweil es ist ein Weltgebrauch. /  Vor der Tür da hängt ein Kranz / und ladet ein zum frohen Tanz. / Da hört man bei frohem Singen / auch die gefüllten Gläser klingen. / Drum Musikanten lasst erschallen / der Flötenklang und Hörnerhallen / und spielt ein lustig „lebet Hoch“. / Der König, Knecht und Junge, / sie sollen leben dreimal Hoch.

Nachdem der Kapitän seinen Spruch beendet hatte, gab der Besitzer ihm seinen Geldbetrag, um die Ausstattung des Festes zu unterstützen. In früheren Jahren wurden den Reitern beim Umzug einige Gläser Muck gereicht. Da diese Sitte aber bald ausartete und nicht alle Reiter den Muck vertragen konnten, hörte man auf, beim Umzug Alkohol zu reichen. Am Abend traf sich das ganze Dorf im Krug zum Tanz. Meist hatte jeder Reiter sein Mädchen dazu eingeladen, oder es wurde festgestellt, welche Mädchen teilnehmen wollten und dann wurden diese unter den Knechten ausgelost. Wenn ein Mädchen sich weigerte, mit dem ihr zugeteilten Knecht zu tanzen, durfte sie nicht an der Gildefeier teilnehmen. So feierten die Knechte jedes Jahr ihr Dorffest.

(Aus:  Tastrup – Eine Gemeinde in Angeln, Brecklum 2009, S. 43-46)

 

Die Armenfürsorge in Adelby vor 250 Jahren

von Klauspeter Reumann

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die sich nicht aus eigenen Mitteln ernähren konnten und deshalb als arm galten. Immer auch gab es vielfältige Versuche der Mitmenschen, diese Armut zu lindern.

Im alten Großkirchspiel Adelby waren solche Probleme besonders zugespitzt, weil der Anteil von Bewohnern ohne Landbesitz überdurchschnittlich hoch war. Hier gehörten Ende des 18.Jahrhunderts 85% der Familien zu den Kätnern, die nur ein kleines Haus (Kate) mit Garten und Stallungen für Kleinvieh besaßen, oder zu den Insten, die bei ihnen als Mietleute wohnten. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner bei den Bauern oder in der Stadt. Die Zahl der Kätnerfamilien blieb damals mit etwas über 200 Familien ziemlich konstant, während die der Insten von 16 auf 80 anschwoll. Demgegenüber zählten nur 15% zu den Bauern, das waren gleichbleibend 39 Familien; diese aber besaßen und bewirtschafteten das gesamte Acker- und Weideland. Dadurch herrschte in Adelby ein extremes wirtschaftliches und soziales Ungleichgewicht, denn sobald es den Kätnern und Insten einmal an Arbeit, Lohn oder Gesundheit fehlte, waren sie von Armut bedroht.

Die Unterstützung der Armen geschah durch die Kirche, indem während der Gottesdienste mit dem Klingbeutel und nach dem Gottesdienst im Armenblock für sie Geld gesammelt wurde. Der Pastor und seine beiden Juraten (Kirchgeschworenen) verteilten dies jeden Sonnabend an die Armen - etwa 20 Personen, die jede 3 bis 5 Schillinge erhielten. Dieses Almosen hatte damals die Kaufkraft für ein Brot und eine Kanne Milch. Außerdem erhielten der Küster und Lehrer von Adelby das wöchentliche Schulgeld (1 Schilling) für 30 arme Schüler und der Schulmeister von St. Jürgen für 6 Schüler. Deren Eltern wurde dadurch ermöglicht, ihre Kinder zur Schule zu schicken statt sie bei den Bauern in Brot und Dienst zu geben. Um 1750-70 verschärften sich die Armutsprobleme zusätzlich durch Arbeit suchende Zuwanderer und umherziehende Bettler. Pastor und Juraten setzten eigens einen Armenvogt für Adelby ein, der diese fremden Armen aufspüren und vertreiben sollte; doch auch dieser konnte „die Gemeinde von der Überschwemmung durch die fremden Armen unmöglich befreien.“ Um die eigenen Armen weiterhin zu unterstützen, die auswärtigen aber abzuwehren, folgten weitere Reformen: Pastor und Juraten legten ein Namensregister der in Adelby ansässigen, berechtigten Armen an, sie richteten eine schriftlich geführte Armenkasse ein und schufen nun das Amt von 6 Achtmännern, die die neue Armenfürsorge organisieren sollten.

Juraten und Achtmänner waren Ehrenämter, zu denen nur die Bauern reihum verpflichtet und in der Lage waren. Es spricht für die Last dieser Ämter, wenn sich die Bauern gern mit zwei- und dreistelligen Markbeträgen von ihnen freikauften; diese fielen dann der Armenkasse zu.

Unter dem Druck der wachsenden Zahl von Armen griffen Pastor, Juraten und Achtmänner nun auf eine königliche Verordnung von 1736 zurück, die ihnen erlaubte, die bisherige Almosenunterstützung durch ein allgemeines Armengeld - eine Armensteuer - zu ergänzen. Sie veranschlagten den Bedarf und legten diesen, je nach Klassenstand, auf alle Bewohner des Kirchspiels um. Als Relation setzten sie fest, dass, wenn die Bauern 16 Schillinge zahlten, die Kätner 4 bis 3 Schillinge und die Insten 2 bis 1 Schilling zu leisten hätten. Diese Bandbreite der Besteuerung spiegelte die Leistungsfähigkeit der drei Schichten wider.

Das quartalsweise erhobene Armengeld erbrachte jeweils 70 bis 90 Mark und musste um 20 bis 30 Mark aus dem Armenblock ergänzt werden. Daraus erhielten die anfangs 20, alsbald über 40 Armen jede Woche 3 bis 8 Schillinge Unterstützung. Dieser Betrag war kein voller Lebensunterhalt, sondern nur eine ganz geringe Linderung ihrer Not, denn Handwerker wie Maurer oder Zimmerer verdienten damals für den vollen Unterhalt ihrer Familie 1 Mark und 2 Schillinge als Tageslohn. Das waren nach der im Herzogtum geltenden Lübecker Münze 18 Schillinge. An den hohen Kirchenfesten Ostern, Pfingsten und Weihnachten erhielten die Armen immerhin einen Extraschilling.

Bei den Armenverzeichnissen fällt auf, dass nur ein Drittel Männer waren, zwei Drittel dagegen Frauen, und unter diesen wiederum sehr viele Witwen. Ihre Verarmung resultierte offenbar aus dem Tod der ernährenden Ehemänner. Soweit die Herkunft der Armen genannt ist, dominieren der Norder- und Süderhohlweg (heutige Glücksburger und Kappelner Straße), St. Jürgen, Adelbylund, das Engelsbyer Windloch und das Taruper Kreuz - eben die bevölkerungsreichen Wohngebiete der Kätner und Insten. Fast alle Armen sind über Jahre hinweg verzeichnet, die letzte Eintragung lautet meist „verstorben“, dazu die Kosten für Grab und Sarg. Das deutet auf Arme überwiegend höheren Alters.

Arme Kinder sind gesondert verzeichnet und zwar mit geringfügig höheren Beträgen, die dann an Familien gingen, die diese Kinder „in Alimentation“ aufnahmen. Hier wird es sich um Waisenkinder gehandelt haben. Für sie bezahlten die Achtmänner außerdem das Schulgeld und die Schulbücher und achteten auf strikten Schulbesuch, damit sie den Schulabschluss der Konfirmation erreichten und ihnen dadurch der Weg heraus aus der Armut geebnet würde.

Als in den 1780er Jahren immer mehr Zuwanderer in Flensburg Arbeit und in Adelby einen Schlafplatz suchten, sahen Pastor, Juraten und Achtmänner voraus, dass sich mit diesen Insten zukünftig ein großes Armutspotential anbahnen würde. Sie machten die Aufnahme von Insten melde- und genehmigungspflichtig, was meist Ablehnung bedeutet haben wird. Obendrein belegten sie ihre Kätner, die eigenmächtig einen Insten einquartierten, mit Geldstrafen. Dies unterband jahrzehntelang die weitere Niederlassung von Insten. Inzwischen jedoch waren viele Insten der ersten Zuwandererwelle in Armut gefallen, so dass Adelby schließlich 1817 ein Pflege-, Arbeits- und Armenhaus einrichten musste. Davon wird ein späterer Beitrag handeln.

 

Das Adelbyer Armenhaus von 1817

Im westlichen Winkel von Taruper und Trögelsbyer Weg, etwa dem heutigen Apfelhof, gründeten der Pastor von Adelby und seine zwei bäuerlichen Juraten (Kirchgeschworenen) 1817 ein Armenhaus. Ihnen bot sich damals die Gelegenheit, ein Gebäude geeigneter und seltener Ausmaße von 10 m Breite und 36 m Länge zu erwerben. Solche Gebäude gab es als Stall- und Scheunenbauten nicht bei den normalen Bauernhöfen, wohl aber bei den Gutshöfen Trögelsby, Adelbylund und Sünderup. Die Kirchenrechnungen verzeichnen dafür keinen Kaufpreis, sondern lediglich geringe 18 Mark für die „Bergung des Hauses“. Deshalb ist anzunehmen, dass es sich um eine Stiftung eines dieser drei Hofbesitzer zugunsten der Kirche und der Armen gehandelt hat.

Die Juraten ließen das abgebaute Gebäude nun von Zimmer- und Mauerleuten zentral dort wieder aufstellen, wo Engelsby, Twedt, Tarup, Sünderup und Fruerlund – die Nachfolgedörfer des ehemaligen Adelby - aneinandergrenzten. Sie statteten das Gebäude mit Zimmern, Betten und Öfen aus, auch mit einer „Arreststube“, und ließen ein Backhaus bauen und einen Brunnen bohren.

Die steigenden Armenkosten drängten seit Jahrzehnten zu immer neuen Lösungen. Das bisherige freiwillige Opfergeld aus dem Klingbeutel und aus den am Kirchenausgang stehenden Armenblöcken reichte längst nicht mehr aus; auch nicht das allgemeine Armengeld, das die Achtmänner (bäuerlichen Armenverwalter) zusätzlich von den Land- und Hausbesitzern erhoben. Als nach 1800 die Kosten für die Armen erneut sprunghaft in die Höhe schossen, ersetzten die Achtmänner die Unterstützung in Geld durch eine stationäre Vollversorgung. So entstand 1817 - erstmals im alten Herzogtum Schleswig - ein „Pflege- und Arbeitshaus“, in dem die Armen Verpflegung und Obdach, auch medizinische Hilfe, erhielten. Gleichzeitig sollten die Armen hier zur Arbeit herangezogen werden und dadurch die Armenkosten der Gemeinde in Grenzen halten.

Den Hintergrund bildete der Bevölkerungswandel, dass die florierende Seehandelsstadt Flensburg immer mehr Menschen aus dem Hinterland anzog. Sie suchten und fanden hier als Tagelöhner Arbeit und Brot, besonders in den Packhäusern und auf den Schiffen der Kaufleute.

Viel schwieriger war es, in der Stadt auch den nötigen Wohnraum zu finden und bezahlen zu können. Deshalb mieteten sie sich bei den Hausbesitzern der angrenzenden Landgemeinde Adelby ein. Das war meist eine Dachkammer, oft auch nur ein Schlafplatz. Die Zahl solcher „Insten“ wuchs zwischen 1785 und 1835 von 16 über 80 auf 140 Personen an, dazu deren Familien. Das veranlasste die Pastoren, Juraten und Achtmänner, solche Niederlassungen durch eine Genehmigungspflicht niedrigzuhalten. Sie kannten und fürchteten die Insten als Armutsrisiko, sobald sie einmal für längere Zeit erkrankten, arbeitsunfähig wurden oder das hohe Alter erreichten und dann aus der Armenkasse versorgt werden mussten.

Das Armenhaus wurde von einem Werk- und Speisemeister geleitet und zusammen mit seiner Frau und Tochter bewirtschaftet, dazu einem Armenvogt aus dem Kreis der Bewohner.

Das Haus war für etwa 40 Personen ausgelegt. Um aufgenommen zu werden, brauchten sie einen Armenschein ihres Distrikt-Achtmanns. Dieser prüfte ihre Hilfsbedürftigkeit und ihre Heimatberechtigung in Adelby. Die häufigste Armutsbegründung hieß „elend, krank, hilflos“, letzteres in dem wörtlichen Sinne, dass keine Familienangehörigen da waren oder diese keine Hilfe aufbringen konnten. Die Heimatberechtigung setzte voraus, dass die Armen in der Adelbyer Gemeinde geboren, das hieß getauft, waren oder mindestens 15, später 6 Jahre gewohnt und gearbeitet hatten. Beide Umstände wirkten sich bei den zugewanderten Insten oft als Nachteil und Not aus.

Von den 47 Armen der ersten überlieferten Belegung des Hauses von 1820 waren nur 21 aus Adelby gebürtig, hingegen 26 aus Angeln, Jütland und den dänischen Inseln. Die größten Gruppen machten männliche Arbeitsleute hohen Alters, unverheiratete und verwitwete Frauen jeden Alters sowie Waisenkinder aus. Bei den Erwachsenen kamen meistens noch chronische Krankheiten („brustkränklich“), körperliche Gebrechen („geht auf Krücken“) oder mentale Störungen („bisweilen unsinnig und verrückt“) hinzu.

Vereinzelt gerieten auch ganze Familien ins Armenhaus, weil die Väter als Ernährer ausfielen. Das war besonders der Fall, wenn und solange diese eine Gefängnisstrafe absaßen oder beim königlichen Militär dienten. Dann kamen die Familien „auf obrigkeitlichen Befehl“ vorübergehend ins Armenhaus, nämlich auf Veranlassung des königlichen Amtmanns auf der Duburg.

Der Alltag war für die Armen, die nicht bettlägerig und noch kräftig genug waren, mit leichten Arbeiten ausgefüllt. Das waren für die Frauen vor allem, Flachs zu spinnen und daraus Strümpfe zu stricken, so dass diese verkauft werden konnten. Hinzu traten Dienste in der Küche und Krankenstube. Die Männer leisteten Außendienste im Hof, Garten und Feld. Sie wurden teils auch bei den Bauern in Dienst gegeben, wobei ihr geringer Lohn dann an das Armenhaus fiel. Die Schulkinder wurden nur zur Winterschule angehalten, während des Sommers aber bei den Bauern zum Viehhüten geschickt, damit sie Quartier und Kost dort erhielten. Auch ihren Lohn kassierte das Armenhaus.

Neben der auferlegten Arbeit war der Alltag der Armen von der täglichen Verpflegung geprägt. Sie bestand aus Brot und verschiedenen Getreidegrützen mit Milch, aus Kartoffeln und Kohl; nur zu den hohen Kirchenfesten Weihnachten, Ostern und Pfingsten gab es zusätzlich Butter, Speck und einen Schweinekopf. Dennoch reichte auch eine solche Festmahlzeit niemals an das Niveau des Richtfestes von 1817 mit Richtbier und Branntwein, dazu Brot und Schinken, heran. Wenn einem Armen einmal nach Bier und Branntwein gelüstete, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Armenhaus eigenmächtig zu entweichen und schließlich reumütig und straffällig zurückzukehren. Die wenigen kurzzeitigen wie die dauerhaften Fluchtfälle bezeugen, dass die Armen existentiell gar keine andere, bessere Wahl hatten als das für jene Zeit fortschrittliche Armenhaus.

Achtmänner und Werkmeister bemühten sich jederzeit, die wieder gesund und arbeitsfähig gewordenen Bewohner bei Bauern und Handwerkern in Dienst zu vermitteln. Dort hatten sie dann einen Schlafplatz und Verpflegung, auch einen geringen eigenen Lohn. Das gelang vor allem im Frühjahr für die Sommerdienste, hatte jedoch oft zur Folge, dass sie dort im Herbst wieder entlassen wurden und ins Armenhaus zurückkehrten. 1831 waren von den 80 Bewohnern 45 Erstaufnahmen und 35 Wiederaufnahmen. Solche Armen verbrachten mit kurzzeitigen Unterbrechungen dann viele Jahre im Armenhaus, zusätzlich zu den jeweils neuen, erstmals aufgenommenen. Dies bedeutete auch, dass das Armenhaus inzwischen mit einer doppelt so hohen Personenzahl belegt war wie in den Anfangsjahren.

Unverändert war seit den Anfangsjahren geblieben, dass die Bewohner sich aus der anschwellenden Unterschicht der Insten rekrutierten, nicht aus den hofbesitzenden Bauern, noch aus den hausbesitzenden Handwerkern. Diese waren wirtschaftlich stark genug, um eventuelle Elends- und Armutsfälle innerhalb ihrer Familien aufzufangen.

 

Erinnerungen an Adelby, 1958 – 1972 von Wilfried Vollstedt

Als wir am 19. Mai 1958 von Steinbergkirche nach Adelby zogen, mein Vater war kurz zuvor auf diese Pfarrstelle vor den Toren Flensburgs berufen worden, ahnte der 11-jährige nicht, dass die unbeschwerteste, aber zugleich auch die bedrohlichste Zeit seines Lebens ihm bevorstand. Der Verlust langjähriger Schulkameraden und der erwartete Schulwechsel waren meine, wie sich schnell herausstellte, unbegründeten Ängste. Denn in Jürgen Stichel und in Reinhard Lais fand ich schnell neue Freunde. Gemeinsam durchstreiften wir die Gegend, stellten allerhand Unsinn an und hatten in verschiedenen umliegenden Wäldern geheimnisvolle Stützpunkte.

Die Angst vor dem Schulwechsel stellte sich ebenfalls als unbegründet heraus: Mein neuer Lehrer, Herr Gillert aus Tarup, der später schwer verunglücken sollte, war mir ein verständnisvoller Begleiter.

Neu war auch, dass ein- oder zweimal pro Woche ein Lieferwagen auf den damals noch weitläufigen Hof mit einer Pumpe in der Mitte fuhr, und Kaufmann Krogmann gebieterisch mit einer Glocke läutete, um der Frau Pastor Milch, Eier usw. feilzubieten. Dieser Krogmann, ein stets hektisch-nervöser Mensch, war ausgesprochen kommunikativ, wie sich später zeigen sollte.

Keineswegs unbedrohlich gestaltete sich in dem nun allmählich anbrechenden neuen Jahrzehnt die Weltlage. Vorerst jedoch schien die Welt in Adelby als ein friedliches Paradies, der Lärm der großen Politik drang kaum in diese Enklave der Glückseligkeit, Konrad Adenauer schien diese Ruhe zu garantieren. Er hatte erst 1957 die absolute Mehrheit im Bundestag gewonnen.

Mein Vater nahm sofort nach Amtsantritt an seiner neuen Wirkungsstätte die Renovierung der Kirche in Angriff. Mit großem Engagement und viel Wonne stürzte sich der Bauherr in den Umbau eines recht langwierigen Vorhabens, die Orgel wurde im Zuge dieses Bauvorhabens auch erneuert. Wenig später wurde die alte Glocke durch zwei neue ersetzt. Aus irgendeiner Glockengießerei wurden sie eines Tages - mit Blumen geschmückt - auf einem Tieflader angeliefert. Irgendwo auf einer der nach Adelby führenden Landstraßen wurden sie feierlich von Gemeindemitgliedern in Empfang genommen. Preesters Sünn stieg schon bald Sonntag für Sonntag, zuweilen auch bei Beerdigungen auf den Turm, um die Stränge zu ziehen. Oft waren Lais und Stichel auch dabei und so manches Mal hängten wir uns an die dicken Hanfseile, um uns von der Masse des Geläutes nach oben reißen zu lassen.

Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis das Geläut elektrifiziert wurde und die schwindelerregenden Turnübungen ihr Ende fanden. Der Glockenmotor wurde von nun an aus der Eingangshalle der Kirche geschaltet.

Das war mir auch ganz recht, denn erstens hatte ich längst andere Sportarten für mich entdeckt: In Adelby erlernte ich schnell das Radfahren und das Schwimmen, so dass wir im Sommer oft mit unseren Rädern nach Solitüde fuhren um zu baden. Der Sommer 1959 war zudem ein Jahrhundertsommer und die Förde war warm. An sportlicher Betätigung war also kein Mangel.

Weiterhin brachte der technische Fortschritt im Glockenturm an Silvester, wenn Schnee und Eis regierten, eine Erleichterung: Ich brauchte nicht um Mitternacht auf den zugigen Turm zu steigen. Das Neue Jahr ließ sich mit Geläut, von unten geschaltet, begrüßen. Zuweilen hörte ich knirschenden Schrittes im Schnee meine Mutter nahen, die, ausgestattet mit einer Sektflasche und zwei Gläsern, mit mir auf das neue Jahr anstieß.

Diese Glocken sollten allerdings noch ein kleines Missverständnis hervorrufen. Eines Sonntages, es muss irgendwann nach meiner Konfirmation gewesen sein, nahm ich mit meinem Tonbandgerät bei offenem Fenster meines Zimmer das erste Läuten um 09:00 Uhr auf. Da das Fenster sich aber zur Kirche hin befand, gelang die Tonaufzeichnung perfekt und ich spielte mit voller Lautstärke das Geläut ab. Währenddessen saß mein Vater noch im Arbeitszimmer, um letzte Hand an die Predigt zu legen. Er schaute in der Regel sonntags zwischen 09:00 Uhr und 09:30 Uhr, also die halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes, nicht auf die Uhr, sondern verließ sich auf das dreimalige Läuten im Zehn-Minutentakt. Als es dann vermeintlich zum dritten Mal läutete, stürmte er verwirrt, weil er glaubte, die Zeit bereits verpasst zu haben, in die Kirche. Als er endlich vor dem Altar auf seine Taschenuhr schaute, bemerkte er seinen Irrtum, machte aber Herrn Schäfer, den langjährigen Kirchendiener, verantwortlich für das vermeintlich falsche Läuten. Was denn in diesen um alles in der Welt gefahren sei, fragte er ihn empört.

Das Missverständnis jedoch stellte sich dann sehr schnell heraus, dass nämlich der eigene Sohn diesen Unsinn angestellt hatte. Diese Episode rief bei allen Eingeweihten wie immer viel Gelächter hervor.

Die scheinbare Idylle wurde dann schließlich doch durch drei Ereignisse auf der weltpolitischen Bühne jäh zerrissen. Am 13. August 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut, zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter gerade verreist, wahrscheinlich nach Kärnten. Vermutlich wirtschafteten die zwei Mannslüd, also mein Vater und ich, alleine im Haus. Ich lernte bei der Gelegenheit ein wenig die Kochkunst. Die Besorgnis im Hause wegen der Berliner Ereignisse war für mich, den kaum 14-Jährigen, aber mit Händen zu greifen.

Schon ein Jahr später stand uns eine neue Bedrohung ins Haus: Im Oktober 1962 wurde Kuba blockiert, die nach dieser Karibikinsel benannte weltpolitische Krise dauerte 15 Tage. Wir Kinder verfolgten die Blockade und die Ereignisse in der wöchentlichen „Wochenschau“ vor dem Hauptfilm im Palast-Kino im Stadtteil St. Jürgen. Die Erleichterung bei uns war groß, als die Krise politisch beigelegt werden konnte. Hatten wir nicht gerade am Rande eines Atomkrieges gestanden? Viele glaubten es offenbar, denn während dieser Krise oder kurz danach begleitete ich meinen Vater auf irgendwelchen Einkaufswegen: Unter anderem kauften wir bei Krogmann Lebensmittel in dessen Geschäft in Adelbylund ein. Mein Vater erzählte wohl beiläufig, dass er nun schon über vier Jahre in Adelby als Seelsorger wirke. Krogmann gratulierte mit würdevoll-majestätischer Gebärde hinter dem Verkaufstresen und überreichte meinem Vater ein Glas vermutlich mit eingelegten Tomaten oder dergleichen. Dieses etwas verrückt-liebevolle Jubiläumsgeschenk löste bei uns im Hause erhebliches Gelächter aus. Krogmann aber wusste aus Anlass dieser bizarren Zeremonie zu berichten, dass eine Vielzahl von Kunden bei ihm bereits Hamsterkäufe getätigt hätten.

Wieder ein Jahr später, im November 1963 wurde schließlich John F. Kennedy ermordet. Kennedy war, wie für viele von uns, ein Idol und ich erinnere noch bis heute genau die Szene, die sich im kleinen Wohnzimmer abspielte. Während ich mit meinem Märklin-Bauskasten beschäftigt war, betrat meine Mutter den Raum neben der Küche und sagte nur drei Worte: „Kennedy ist ermordet!“ Ich brach in Tränen aus. Dieses Ereignis, ich war schließlich schon fast 16 Jahre alt, wirkte in meinem Denken in den folgenden Jahren womöglich mehr nach als der eskalierende Vietnam-Krieg oder der Sechs-Tage-Krieg auf dem Sinai.

Alle diese Ereignisse wurden intensiv und kontrovers in meinem Elternhaus diskutiert. Dass auch innenpolitisch allmählich die Bundesrepublik sich wandelte, blieb uns Adelbyern nicht verborgen: Dass Willi Brandt die Bundestagswahlen am 28. September 1969 gewann, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen. Nirgends aber kann man nachlesen, dass auch ich ein wenig, vielleicht mit einer einzigen Stimme dazu beigetragen habe, obwohl ich noch gar nicht wahlberechtigt war. Dazu muss man wissen, dass bei einer sechsköpfigen Familie nach jedem Mittagessen und insbesondere nach den Mahlzeiten an hohen Festtagen immer viel abzuwaschen war und die Hausfrau froh war, von dieser Aufgabe entbunden zu werden. Zunächst entlohnte sie mich, wohl auch um Konflikte zu vermeiden, für einen Abwasch mit 50 Pfennigen. Je näher jedoch die Bundestagswahlen rückten, desto mehr rückte ein ideelles Entgelt für den Dienst im Haushalt in den Mittelpunkt. Sie verfiel nämlich irgendwann in diesen Wochen auf die Idee, mir im Gegenzuge für meine Dienste am Wahlsonntag ihr Kreuz bei der SPD zu machen. Während mein Vater die 50-Pfennig-Regelung noch mit einem Lächeln quittierte, war er von dieser in staatsbürgerlicher Hinsicht zu verachtenden Entgeltregelung keineswegs erbaut.

Die Vorweihnachts- und Weihnachtszeit war von derartigen welt- und innenpolitischen sowie persönlich-familiären Querelen meist frei. Bundestagswahlen und weltpolitische Krisen standen nicht an, meine Mutter widmete sich dem Fest und seinen Vorbereitungen, indem sie nach Dresdner Rezept für die Familie alle Jahre wieder Stollen backte. Aufbewahrt wurden diese in der Speisekammer neben der Küche dort, wo sich heute die Toiletten für Gemeindebesucher befinden.

Von den Stollen profitierten alle einschließlich meiner beiden Katzen mit höchstem Genuss und größter Behaglichkeit. Letztere hatten nämlich auf den warmen Stollen ihren Platz entdeckt um in unbeobachteten Momenten zum Sprung auf die Wärmekissen anzusetzen. Der Zufall wollte es, dass niemand außer meiner Schwester Christa und ich diesen gerechten Schlaf unserer Haustiere bemerkten. Die Haare haben wir immer sorgfältig abgesammelt, auf dass niemand um den Genuss der Stollen gebracht wurde.

Trotz allen weltpolitischen Lärms dieser Jahre, Weihnachten, das war immer der Höhepunkt der Feste des Kirchenjahres, ein wahres Fest der Ruhe, der Besinnlichkeit und des Friedens im Leben unserer Pastorenfamilie. Neben den Stollen war es immer eine Autofahrt zu einem Förster in den umliegenden Wäldern Angelns. Denn schließlich mussten drei Weihnachtsbäume ausgesucht werden, bevor diese geschlagen wurden. Einen für unsere eigene Wohnstube und zwei für die Kirche. Zumeist waren diese Adventsausflüge verbunden mit einem kleinen Imbiss und Umtrunk bei den Förstern.

Weihnachten und Advent, das waren aber für uns nicht nur die Zeiten der Stollen, der Karpfen und der Tannenbäume, das war auch die Zeit im Jahr, in der mein Vater das Evangelium verkündete und das mit lutherischer Leidenschaft und, wie wir heute sagen würden, mit größter Motivation. Seine Predigten zu Heiligabend fußten selbstverständlich immer auf dem von Lukas überlieferten Text, einen Text, den ich bis heute nicht vergessen und verlernt habe. „Und es begab sich zu der Zeit als ein Gebot ausging ...“. Meine Mutter hat ihn mir oft aufgesagt oder vorgelesen. Zu Weihnachten also blieb die große und kleine Politik stets vor der Tür trotz aller Widrigkeiten. Denn an die Erlösung durch die Geburt Christi, daran hat mein Vater bis zuletzt aus tiefster Überzeugung geglaubt. Dieser Glaube war ihm, dem Pastor, dem Hirten, stets Stecken und Stab in seinem Leben. Und diese Friedensbotschaft hat sich uns vier Kindern, meinen älteren drei Schwestern und mir, tief eingeprägt.

„Beim Blättern in den Bildern meiner Kindheit ...“ - damals im Pastorat ... (Eindrücke aus einem Gespräch mit Ingeborg Czapla)

 

Häuser können ja bekanntlich nicht reden. Doch die Menschen, die in ihnen leben oder einmal gelebt haben, können erzählen von all dem, was sie darin erlebt haben.

So hat es Frau Czapla getan. Wir haben uns verabredet, und sie hat mir erzählt von ihrem Leben im Pastorat in Adelby, wo sie von 1929 bis 1956 gelebt hat.

Als sie mit ihrem Vater Pastor Kardel und der ganzen großen Familie in Adelby einzog, war sie gerade drei Jahre alt und das siebte von insgesamt nachher neun Geschwistern. Ihr Vater hatte sich von Brügge/Bordesholm aus nach Adelby beworben und hier 1929 seine neue Stelle angetreten. Die Gemeinde erstreckte sich zu der Zeit von Tastrup über Tarup und Engelsby bis nach Fruerlund. Ein großes Gebiet – natürlich weitaus weniger besiedelt als heute. Die Älteren unter den LeserInnen werden selbst die Veränderungen unserer Stadtteile in Erinnerung haben.

„Wie war es, zu Ihrer Zeit in diesem besonderen Haus zu leben?“, habe ich Frau Czapla gefragt. Und gemeinsam treten wir in Gedanken ein in das schöne Pastorat:

Für mich als Kind der modernen Zivilisation ist der virtuelle Rundgang durch das Haus in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts ein Weg des Staunens. Der große, befeuerte Herd in der Küche am Schornstein, der immer brannte, morgens als erstes angemacht wurde, sowie auch das angrenzende Ess- und Kinderspielzimmer. Fließendes Wasser gab es vorerst nicht. Aber die Pumpe auf dem Hof, von der aus später eine Leitung in die Waschküche im Keller gelegt wurde. Zum Baden wurde Wasser aus dem Keller heraufgetragen und auf dem Herd erwärmt. Eine Prozedur für eine Familie mit so vielen Kindern.

Auch eine Toilette gab es natürlich nicht in dem Haus. Sie befand sich gegenüber im großen Stall, dort, wo sich heute die Werkräume des Friedhofs befinden. Der Stall war im Stil dem Wohnhaus gleich, und in ihm befanden sich die Waschküche und der Schweinestall, dahinter ein fensterloser Raum mit dem Plumpsklo. Alle mussten also – bei Wind und Wetter – über den Hof. Ich stelle es mir vor wie eine kleine Autobahn.

Der Alltag war – aus unserer Sicht heute – also damals wesentlich arbeitsaufwändiger. Ohne die zahlreichen Maschinen, die uns heute das Leben erleichtern, bestand das Tagwerk darin, die Wäsche mit der Hand zu waschen, das Gemüse mit der Hand zu ernten, Wasser mit der Hand zu pumpen oder zu schleppen. Neben der Haushaltshilfe Emmi, die lange Jahre auch im Pastorat lebte und arbeitete, haben auch die Kinder viel geholfen. Statt der Nachmittagsbeschäftigungen und Spielbesuche, die heute die Zeit der Kinder ausfüllen, wurde der Mutter z.B. beim Waschen zur Hand gegangen.

Auch regelmäßige Schlachtungen der Hausschweine gehörten zum Alltag der Pastorenfamilie. Ein Schlachter kam, tat, was zu tun war, und dann wurde eingekocht, geräuchert, gepökelt und verwertet.

So war es auch selbstverständlich, dass die Arbeit des Pastors in diesen Jahren über die auch für mich als Pastorin des 21. Jahrhunderts „normalen“ Aufgaben, Gottesdienst, Seelsorge, Taufen, Hochzeiten, Trauerfeiern, Konfirmandenunterricht, Bibelstunden (z.B. im Haus „Abendfrieden“ in Engelsby) hinausging. Denn zur täglichen Arbeit gehörte ebenso die Gartenarbeit, um die Ernte und damit das Essen für die Familie zu sichern. So hat Pastor Kardel seine ersten Arbeitsstunden am Tag zwischen Kartoffelbeeten und Obstbäumen verbracht. Zur Pflege des Nutzgartens wurden auch die Kinder eingeteilt. „Wir haben viel gelernt, auch wenn es anstrengend war!“ so Frau Czapla. Der Garten hat der Familie und später auch den zahlreichen Flüchtlingen das Überleben gesichert in den Jahren des zweiten Weltkrieges.

Im Krieg war das Pastorat oft Anlaufstelle für die in Mürwik stationierten Soldaten. Sie kamen sonntags in den Gottesdienst und konnten im Anschluss im Garten der Familie beim Mittagessen und Spielen mit den Kardel-Kindern ein wenig Normalität erleben. Nach dem Krieg gab es dann auch hier keine Normalität mehr.

Frau Czapla war 19 Jahre alt, als die Flüchtlinge kamen. Sie beschreibt eindrücklich, wie das Haus von der kommunalen Gemeinde den Notwendigkeiten angepasst wurde. In jedem Raum gab es nun eine Kochstelle – für die einziehenden Familien, ausreichende Schlafmöglichkeiten. Das Amtszimmer des Pastors wurde zur Herberge, er verlegte seinen Schreibtisch in die Stube – dem Durchgangszimmer mit dem Telefonanschluss – das alle immer durchqueren mussten. Ein Raum, der bis dahin immer nur zu Weihnachten und anderen besonderen Anlässen bewohnt und beheizt wurde, bekam ein ganz neues Gesicht.

Bis zu 30 Menschen lebten jetzt unter dem Reetdach in der Taruper Hauptstraße. Menschen, die Schlimmes erlebt hatten, deren Lebenswege sich hier kreuzten und neue Richtungen nahmen.

Frau Czapla selbst hat Holz gesägt mit ihrem Vater, um ausreichendes Brennholz zu haben. Oder sie melkte Kühe auf dem Hof Ohlsen, ihr Lohn war die Milch für ihre Familie – ein kostbares Gut. Das Pastorat wurde zu einem Übergangs-Zuhause für viele, der Pastor half, wo er konnte, zum Beispiel bei der Suche nach Angehörigen. Vor allem die Heimkehr eines Familienvaters ist meiner Gesprächspartnerin im Gedächtnis geblieben. Mitten in der Nacht kam er und hat Steinchen gegen das Fenster geworfen, um sich bemerkbar zu machen. Glück und auch Leid waren tagtäglich präsent.

Einige der Familien sind schnell wieder ausgezogen, andere blieben in Adelby, bzw. Tarup und zogen Anfang der 50er Jahre in die neu gebauten Häuser z.B. im Wiedeberger Weg.

Frau Czapla selbst ist in Tarup geblieben. Nach einer kurzen Zeit ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Detmold kam sie wieder zurück – hier war es immer am besten, sagt sie. Hier hat sie ihre vier Kinder bekommen. Hier ist sie Zuhause.

Frau Czapla danke ich sehr für das interessante Gespräch und den Einblick in ihr Leben in dem und mit dem Haus, das seine Erfahrungen nun mit meiner Familie teilt.

Anja Stadtland

Trögelsbyhof und die Familie Petersen

Ein großer Grabstein ragt aus der grünen Hecke nördlich vom Kirchenschiff der Adelbyer Kirche hinter der weißen Sitzbank, vor dem der kleine Springbrunnen mit dem Mühlstein der alten Senfmühle sprudelt: "Familie P.J. Petersen Twedt Trögelsby" steht auf der runden, dort eingelassenen Metallplatte. Die Familie Petersen hatte einst eine sehr wichtige Bedeutung für ganz Angeln und darüber hinaus, vor allem für die Zucht und Vermarktung des rotbraunen Angler Rindes.

Peter Jessen Petersen (1.4.1837 - 26.5.1902) stammte aus Joldelund, war Sohn eines Predigers, heiratete 1861 die Tochter von Jes Hansen und übernahm dort den Hof in Twedt. Seine gründliche und vielfältige Ausbildung u.a. bei dem Landesökonomierat Ohlsen in Stendetgaard bei Hadersleben, dann in Betrieben in Mecklenburg, Pommern, Sachsen, Schlesien, Bayern und in der Schweiz, sein wacher Geist und Geschäftssinn machten ihn bald zu einem erfolgreichen Großbauern und gefragten Fachmann. So war er Gründungsmitglied des Heidekulturvereins von 1871, der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft DLG von 1885, der Schleswig-Holsteinischen Bodenkreditbank und langjähriger Vorsitzender des Angler Landwirtschaftlichen Vereins, aus dem 1879 der Angler Viehzuchtverein (Zentrale in Süderbrarup) hervorging. Für seine Verdienste um die Landwirtschaft wurde P.J. Petersen mit dem könglich-preußischen Ehrentitel "Ökonomierat" ausgezeichnet.

1874 kaufte er die beiden Trögelsbyer Höfe. Der zweite Hof auf der Nordseite des Trögelsbyer Weges wurde aufgegeben und mit dem Hof auf der Südseite zusammengelegt, das alte Wohnhaus steht noch. Der heutige Hof wurde zu einem Vierkanthof erweitert mit einer Schmiede, großen Stallungen für die Angler Rinder, einer neuen Hofscheune von 1898. Das Wohnhaus, dessen Ursprünge auf das Jahr 1650 zurückgehen, wurde repräsentativer ausgebaut und ein Park auf der Südseite angelegt, mächtige Kastanienbäume begrenzen den Vorplatz. Die "Roten Angeliter" wurden damals in viele Länder, u.a. nach Japan, China und vor allem Rußland exportiert, sie waren begehrt als eine robuste gesunde Rasse, gute Futterverwerter mit hoher Leistung, die auch kleinen bäuerlichen Betrieben ein gutes Einkommen sicherten.

Auf Einladung des Hofbesitzers kamen jährlich russische und andere Diplomaten nach Trögelsby, um dort aus über 300 Tieren aus ganz Angeln ihre Auswahl zu treffen. Wie der heutige Besitzer, Ludwig Oest schilderte, waren die zum Verkauf stehenden Rinder an den Stallungen im Innenhof angebunden - die dafür in die Mauern eingelassenen Ringe sind noch heute zu sehen - und die Herren Diplomaten trafen mit ihrem Gehstock beim Rundgang ihre Auswahl. Anschließend wurde der Kauf feuchtfröhlich besiegelt und am nächsten Tag in Hamburg gefeiert. Die Tiere wurden zum Bahnhof nach Flensburg getrieben und verladen, Betreuer fütterten und begleiteten sie, an der russischen Grenze wurden sie in russische Waggons umgeladen und zum Weitertransport und zur Verteilung von Kosaken übernommen.

Der Trögelsbyhof ist somit als einer der Schwerpunkte der Entwicklung der Landwirtschaft in Angeln anzusehen. Ohne die neuen Kleinbahnen durch Angeln für den Transport der Tiere und Güter wäre dieser wirtschaftliche Aufschwung kaum möglich gewesen.

Der Sohn Theodor Petersen (1874-1944) übernahm 1914 den Hof Twedt Nr. 5 und bewirtschaftete diesen bis 1930. Als Gemeindevorsteher von Twedt war er maßgeblich an der Eingemeindung von Twedt in die Stadt Flensburg mit Vertrag vom 4.12.1909 beteiligt.

Der Sohn Peter Jessen Petersen (1906-1974) bewirtschaftete den Trögelsbyhof 1950 mit 155 ha, davon 140 ha Ackerland und 9 ha Dauergrünland mit 60 Milchkühen, 5 Pferden und 1 Schlepper. 1960 gab er die Milchwirtschaft auf.

1970 erwarb die Stadt Flensburg den Hof für die weitere Stadtentwicklung, ca. 40 ha Fläche wurde für die bauliche Erweiterung von Engelsby östlich der Merkurstraße verbraucht. Der Hof wurde an die Familie Ludwig Oest verpachtet, die aus Rodau-Meyn stammt. Zunächst standen Ferkelzucht und Rindermast im Mittelpunkt, später die Saatzuchtvermehrung für Getreide. 1973 wird eine Getreidereinigungs- und -trocknungsanlage eingebaut, die noch heute für das selbst vermehrte Saatgut von einer Fläche von 500 ha betrieben wird. Das zertifizierte Saatgut wird in ganz Deutschland vermarktet, dadurch hat der Hof noch heute eine überregionale Bedeutung.

Die Bezeichnung "Trögelsby" bedeutet wohl "Wohnung des Truel" (oder Trögel), sie wurde erstmals 1420 als "Truelbul" erwähnt, später auch als "Truwelby". Um 1400 befand sich in dem Bereich nur das Gut des Adeligen Peter Lund, dem auch die angrenzende Gemarkung "Vogelsang" gehörte. Seine Tochter Catharina verschenkte einen Teil des Trögelsbyer Gutes um 1430 an die Marienkirche, den Hof Vogelsang erhielt das St. Jürgenhospital. Auch der zweite Trögelsbyer Hof ging an die Marienkirche der Stadt. Zwischenzeitliche Besitzer waren die Familien Otzen und Brix. Die beiden Wohnhäuser der Höfe stammen aus der Zeit um 1850. 1910 wird Trögelsby wie Twedt in die Stadt Flensburg eingemeindet. Die Straße Trögelsbyer Weg beginnt im Westen am Rande Adelbys und führt über Engelsby bis Trögelsby. Der Feldweg Trögelsbyhof führt von dort über den Stadtbezirk Vogelsang bis Rüllschau nahe Maasbüll - ein lohnender Spazierweg mit historischem Hintergrund!

Eike Fischer/Hans-Friedrich Kroll

 
Ortsplan PDF Drucken E-Mail

Hier können Sie einen Lageplan der Kirche ansehen.

 

Weiterlesen...
 
Ein Rundgang PDF Drucken E-Mail

Hier: Flyer zur Kirchen als PDF

Außen:

Die Johanniskirche Adelby gehört zu den ältesten Kirchen in Angeln, sie wurde um 1200 aus Feldsteinen errichtet. 1726 wurde der freistehende, hölzerne Glockenturm durch einen steinernen Turm ersetzt und die Wände des Kirchenschiffs bis an diesen herangezogen.

Mit einer Sandsteintafel am Turm mit dem Monogramm des dänischen Königs Christian VII. brachten Pastor und Kirchenälteste 1775 ihren Dank dafür zum Ausdruck, dass er die Steinquader vom Abbruch des Flensburger Stadtturms zur Verfügung stellte, - „Soli Deo Gloria“ bedeutet  „Allein zur Ehre Gottes“. Damals wurde auch der Kastenchor umgebaut, so dass in Verlängerung des Kirchenschiffs eine Saalkirche entstand. Im Turm hängt eine große Glocke aus dem 14. Jahrhundert.

An der Nordseite des Kirchenschiffs gibt es eine „Priestertür“ mit einem Löwenkopf als Scheitelstein. Der Besucher betritt die Kirche durch das spätgotische Vorhaus aus dem 15./16. Jahrhundert (sogen. Frauenhaus), in dessen Giebel eine kleine Gebets- und Bußglocke aus dem Jahr 1636 hängt.

Die verschiedenen Baustile und Einzelobjekte vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart verbinden sich in der Kirche Adelby zu einem harmonischen Miteinander, einem Gotteshaus, in dem man sich wohlfühlt. Heute ist die Kirchengemeinde durch zahlreiche Neubaugebiete zu einer „jungen“ Gemeinde geworden, die die Kirche mit vielen Taufgottesdiensten, Hochzeiten und auch Trauerfeiern nutzt.

Innen:

Im Innenraum fällt sofort die große, zweistufige Holzbalkendecke auf sowie die West- und Nordempore mit 45 farbigen Bildern. Sie zeigen, wie die sechs Bilder an der Chornordwand, Szenen aus dem Alten und Neuen Testament und wurden von 1698 bis 1780 in derb-ländlicher Manier gemalt. Die sieben farbigen Wandteppiche unter der Nordempore stellen in moderner Gestaltung die Schöpfung dar, 2006  entworfen und gewebt von der Handweberin Anja Schneider.

An der Wand ist die um 1430  entstandene Eichenfigur Johannes des Täufers aufgestellt, dem die Kirche geweiht war. Er zeigt mit der Rechten auf das Lamm Gottes. Darauf weist auch der Spruch auf einem Deckenbalken hin: SIEHE DAS IST GOTTES LAMM. Vor dem Altarraum hängt das spätgotische Triumphkreuz mit lebensgroßem Kruzifix.

Den Altar schuf 1779 der Flensburger Bildhauer Friedrich Windekilde im Rokokostil. Er zeigt das Abendmahl und das Kruzifix vor einer gemalten Golgatha-Landschaft.

Links im Altarraum steht der frühgotische Taufstein aus gotländischem Kalkstein, 1619 ergänzt um den hölzernen Taufdeckel.

Die Kanzel (1681) rechts an der Kirchenwand, aus Eichenholz geschnitzt, zeigt am Kanzelkorb Reliefs zu Geschichten aus der Bibel: Adam und Eva, die Geburt Christi, die Kreuzigung und Auferstehung sowie die Sendung des Heiligen Geistes. Diese Felder sind getrennt durch die Halbfiguren der Tugenden, Moses und Johannes des Täufers. Dazu gehört der sechseckige Schalldeckel und das Rückwandstück mit dem Relief „Gottvater“.

Der Orgelprospekt stammt aus der Zeit von 1779 bis 1781 (wie der Altar von Friedrich Windekilde geschaffen) und enthält eine Kemper-Orgel.

Im Kirchenschiff über dem Gang hängt ein Votivschiff von 1688 (Votiv: lateinisch „Weihegabe“), ein Dreimaster mit zwei Kanonendecks, es ist das zweitälteste in der Nordelbischen Kirche.

Im Ausgangsbereich  der Kirche steht links der alte „Armenblock“ des 17. Jahrhunderts, damals der Opferstock für Almosen an die Armen.

 

Der Taufstein in der Kirche Adelby

Die hölzerne Figur von Johannes dem Täufer an der Kirchenwand hat ihn fest im Blick: den alten Taufstein in der Kirche Adelby vor dem Adelbylundsgestühl und dem Altar. Geformt wie ein großer Pokal oder Kelch mit einer Höhe von einem Meter und etwa 90 cm Durchmesser, spielt er hier seit Jahrhunderten eine wesentliche Rolle bei allen Taufen. Er besteht aus gotländischem Kalkstein, den man innen an seiner hellbraunen Färbung erkennt. Von außen und am oberen Rand ist er schwarz gestrichen. Aus dem Stein wurden als Relief 12 frühgotische Spitzbögen herausgemeißelt. Die umlaufende goldfarbene Inschrift lautet auf plattdeutsch: LATET DE KINDERKEN THO MY KAMEN UNDE WERET EN NICHT WENTE SOLKER YS DAT HEMMELRICKE. 1691 Marc 10 - Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Himmelreich. Markus 10. Innen wird eine Messingschale von einem Eisenring mit vier Streben gehalten. Hier wird das Taufwasser vor der Taufe hinein gegossen. In früheren Zeiten wurde der große runde Kelch einmal im Jahr zu Ostern (so steht es in verschiedenen Quellen) zur Taufe mit Wasser gefüllt.

Um Verschmutzungen und Entweihungen zu vermeiden, wurde ein passender Deckel aus Holz auf den Taufstein gesetzt, der vor den Taufen hochgezogen wurde. Dieser Deckel aus der Spätrenaissance hängt nun fest an einer langen Metallkette mit sechs goldfarbenen Kugeln von der Decke des Kirchenschiffs über dem Taufstein. Er hat eine achteckige Form mit einer reich verzierten Kuppel. Die Unterseite zieren acht goldfarbene Vierecke, von einem Mittelpunkt ausgehend, und acht Dreiecke am Rand. Die Kuppel ist außen in acht gebogene Felder mit Goldumrahmung eingeteilt, die alle das gleiche Motiv zeigen: unten drei Blüten in weiß mit orangeroter Mitte in verschiedener Größe und Ausrichtung übereinander. Sie sind miteinander verbunden, möglicherweise als Sinnbilder der drei Lebensaltersstufen, gehalten oder gehoben von einer dreiteiligen weißen Wolke oder Blume, aus der wiederum eine braune dreiteilige Pflanze nach oben sprießt. Auch der Deckel hat eine plattdeutsche Inschrift in goldfarbenen Buchstaben:

WOL DAR GELOVET UNDE GEDOFFT WERT DE WERT SALICH WERDEN 1612 MARC VS - Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden (Markus 16).

Der Taufstein ist ein alter Kunstschatz, der gut zu unserer Kirche passt und bis heute rege genutzt wird.

 

Die Taufe

Christen bekennen: Die Taufe ist ein Geschenk Gottes, das der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus am Ende seines irdischen Lebens seinen Jüngern mit folgenden Worten übergeben hat: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matthäus 28,18-20)

Was bedeutet dieses Geschenk für uns?

Es ist eine Liebeserklärung Gottes. So hat es auch das Johannesevangelium gesehen: "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Johannes 3,16)

Damit ist eine Zeitenwende eingeleitet. Seitdem ist der Kalender in den christlich geprägten Ländern in aller Welt umgestellt und beginnt mit dem vermuteten Datum der Geburt Jesu. Die Evangelisten des Neuen Testamentes berichten uns, dass mit dem Wirken Jesu das Reich Gottes schon jetzt als ein Reich der Versöhnung, der Gerechtigkeit und des Friedens wirksam ist und mit der Taufe Jesu beginnt. Voraus geht auch schon die Taufe Johannes des Täufers, als eine Taufe zur Umkehr von einem sündigen Leben. Doch als der Gottessohn Jesus sich von Johannes dem Täufer taufen lassen will, verändert er die Bedeutung der Taufe. Er selbst, der Sündlose lässt sich taufen und tritt an die Stelle der Sünder, wie Gott es vorgesehen hat: „Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herab kam auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“

Gott bestätigt die Stellvertretung seines Sohnes, weil er die Rettung seiner verirrten menschlichen Geschöpfe will. Das ist der Beginn des Weges der Aufopferung Jesu in die Passion und die Überwindung des Todes. Verdeutlicht wird das für uns heute durch die Wassertaufe, in der der 'alte Adam‘, wie Martin Luther erklärt, ertränkt und durch die Kraft Gottes zu neuem Leben erweckt wird. Mit der Taufe wird der Getaufte in das Reich Gottes versetzt. Jetzt lebt der getaufte Christ in zwei Welten, dem schon gegenwärtigen Reich Gottes und der bisherigen irdischen Welt mit ihren Verführungen. Wir sind immer wieder von Gott gerechtfertigte und geliebte Kinder, aber auch Sünder. Die neue Welt, in die uns die Taufe beruft, erwartet neues Handeln, das dem befreienden Willen Gottes entspricht. Neue Werte wie Achtung allen Lebens, Gerechtigkeit und Versöhnung, die zum Frieden führt und Liebe sind nun wegweisend. Wir leben aber auch in der alten Welt, in der Ungerechtigkeit, Machtstreben, Egoismus, Sein wie Gott, Lieblosigkeit oder auch Zweifel, Anfechtung in Glaubensfragen, Hoffnungslosigkeit u.a. herrschen.

Darum bedarf es der Tauferinnerung: Wir sind Gottes Kinder, von Gott geliebt!

Wie wird nun die Liebe Gottes für uns fassbar? Meinen Konfirmanden habe ich es so zu erklären versucht: Mit der Taufe adoptiert uns Gott als seine Kinder, ohne uns den leiblichen Eltern wegzunehmen. Er will aber immer für uns da sein. Damit gehören wir zur Familie Gottes. Jesus wird uns zum Bruder, der unser Leben teilt und sich für uns einsetzt.

Wer darf nun getauft werden? Die Antwort ist klar: Jeder, der sich dem Angebot Gottes anvertrauen will. Dazu gehören auch Kinder, denn die Taufe ist ein Akt Gottes, der zum Glauben ruft und keine Vorbedingungen kennt, aber ein Zuhause mit Gott begründet. So entfaltet sich die Gemeinde der Getauften als Familie Gottes oder, wie die Bibel es beschreibt: als ein Leib, in dem jeder eine seinen Gaben entsprechende Aufgabe hat und in der Jesus Christus das Haupt ist. Jeder wird gebraucht. Vgl. Kor. 12,12-27. Du und ich!

Kreuze und Kreuzigungsdarstellungen in der Kirche Adelby

von Eike Fischer

Er ist nicht zu übersehen - der gekreuzigte Jesus Christus ist der auffällige Mittelpunkt der Kirche Adelby. Gleich mehrmals finden sich Kreuzigungsdarstellungen: die Figur an dem von der Decke hängenden großen Kreuz, die kleinere Figur am Kreuz vor dem Altarbild, die schwer erkennbare "Creutzigung" aus sehr dunklem Holz an der Kanzel und zwei Bilder in der Reihe der Emporentafeln.

Am größten und eindrucksvollsten und raumbestimmend ist wohl das direkt vor dem Chor und den ersten Bankreihen hängende "Triumphkreuz" - eine Bezeichnung aus dem Mittelalter für große Kruzifixe oder Kreuzigungsgruppen. Das etwa drei Meter hohe und über zwei Meter breite Kreuz stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. An dem einfachen, brettartigen, innen grau gestrichenen und rot umrandeten Holzkreuz mit jeweils viereckigen Abschlüssen und vier strahlenförmigen, blattartigen Pfeilen hängt eine grob geschnitzte, braun gestrichene Figur, die Arme weit ausgebreitet, die Hände von Pflöcken durchbohrt und gehalten, die Füße übereinander geschlagen, von einem Pflock gehalten. Den langen, hageren Körper, an dem die Rippen deutlich hervor treten, umschließt ein einfaches hölzernes Lendentuch. Der Kopf ist nach rechts geneigt, Mund und Augen sind geschlossen, die kantigen Gesichtszüge umrahmt ein zopfartiger Kinn- und Backenbart, auf dem Kopf sitzt eine geflochtene Dornenkrone. Die einheitlich gestaltete, einfache und sehr eindrucksvolle Figur erinnert an Gestalten von Barlach, der sich bei seinen Arbeiten an ebensolchen Vorbildern orientierte. Die schlichte Form und dunkle Farbe drückt das Leiden von Christus am Kreuz besonders deutlich aus.

Die Christusfigur über dem Altartisch ist wesentlich kleiner, etwa 60 Zentimeter lang. Sie hängt an einem schlichten, grau gestrichenen Holzkreuz vor einer gemalten Golgatha-Landschaft. Der fein gestaltete Körper und das Gesicht sind wesentlich weicher geschnitzt, das rundliche Gesicht wird von dunkelbraunen, längeren Haaren und einem Vollbart umrahmt. Wie bei der großen Figur ist der Kopf nach rechts geneigt, Mund und Augen sind geschlossen. Der Körper ist hellgrau bemalt, das Lendentuch goldfarben und blau. Über dem Kreuz hängt eine kleine Tafel mit den Buchstaben I.N.R.I. (= Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum - Jesus von Nazareth, König der Juden), die lateinische Form der nach Johannes 19, 19 von Pilatus gesetzten Inschrift am Kreuz Christi. Diese Darstellung ist viel farbiger, detailreicher und sinnlicher als die eher düstere, kantige des mittelalterlichen Triumpfkreuzes. Form und Farbe weisen auf ein anderes Verständnis der Kreuzigung hin - Christus als göttlicher Mensch, der das Leiden und den Tod überwindet.

Umrahmt wird das Kreuz von vielfältigen Details: rechts vom Betrachter aus gesehen Holzsäulen mit Rosenblüten, viele Holzranken mit goldfarbenen Rändern und Weintrauben, links volle Getreideähren, darunter das farbige Abendmahlbild, oben ein dreieckiges Gottesauge, umgeben von drei Engelsköpfen und goldfarbenen Strahlen und darüber die goldleuchtende Botschaft "Soli Deo Gloria" - Allein zur Ehre Gottes. Der Altar stammt vom Flensburger Bildhauer Friedrich Windekilde, der ihn im Jahre 1779 im Rokoko-Stil schuf.

Erst mit der umfangreichen Restaurierung der Kirche im Jahre 1964 durch den Kunstmaler und Restaurator Carl Fey-Talmühlen aus Ahrensbök in Holstein in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege wurde das wurmstichige Holz der Kreuze erneuert und die beiden Kreuze an ihren heutigen Ort gesetzt bzw. gehängt. Auch die Golgatha-Landschaft war mit einem anderen Bild übermalt worden und wurde mühsam wieder hergestellt.

Die ebenfalls aus Holz geschnitzte Kreuzigungsdarstellung auf dem Kanzelkorb (1681) - eine Tafel aus dem Lebenszyklus Jesu - zeigt eine noch kleinere Figur am Kreuz, detailreich geschnitzt, umgeben von zwei weiteren Gekreuzigten und drei weiteren Personen, schwer erkennbar durch das dunkle Holz und die vielen Einzelheiten.

Ganz anders wiederum die zwei Bilder von der Kreuzigung im Stile der Bauernmalerei auf den Tafeln an der Empore über dem Kircheneingang. Diese Szenen werden anschaulich in bunten Farben als Teil der biblischen Geschichte erzählend wie in einem frühen Comic dargestellt. Nicht das Einzelbild ist hier wesentlich, sondern die ganze biblische Geschichte, beginnend mit Adam und Eva über das Leben und Sterben Jesu bis zu seiner Auferstehung. Und immer wieder mit dem Kreuz als Zeichen der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft und des Schutzes durch Christus. Das konnte auch jeder Analphabet und Nicht -Bibelleser verstehen.

Wie konnte ausgerechnet eine Leidensfigur am Kreuz zum Symbol eines neuen, starken Glaubens werden, der den alten kraftstrotzenden Göttern überlegen war?

Nicht immer war das Kreuz ein Zeichen für die christliche Gemeinschaft und den Sieg des Glaubens. Es ist ein uraltes Symbol mit unterschiedlichen Bedeutungen in vielen Kulturen - mal versinnbildlichte es die Sonne, die als Gottheit verehrt wurde, mal war es ein Zeichen der Fülle oder einer Kreuzung von zwei oder mehr Wegen. Zu Zeiten Jesu war das Kreuz der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets, dieser Buchstabe "tau" war ein Zeichen für die Zugehörigkeit zu Gott und seinen Schutz. Bei der Taufe und dem Segen für die Gemeinde wird das Kreuzeszeichen gemacht für den Eintritt in die Gemeinschaft Christi. Für die Kreuzritter war es ein Zeichen der Zuversicht und des Sieges über die Ungläubigen.

Die Verurteilung zum Sterben am Kreuz für schwere Verbrechen, vor allem auch für Aufrührer und Verweigerer gegen die Mächtigen, war zu Christi Zeiten und noch lange danach eine übliche Todesart, um das grauenvolle Leiden zu verlängern und öffentlich abschreckend zu demonstrieren. So wurde das Kreuz für die Urchristen das Zeichen für das Leiden, Sterben und auch die Auferstehung. Christus hat das Kreuz auf sich genommen, wörtlich und im übertragenen Sinne. Er ist der vorhersehbaren, grausamen Kreuzigung nicht ausgewichen, hat das Kreuz getragen und bis zu seinem Tode ertragen und überwunden. Er steht ein für seine Worte und Taten bis zum bitteren Ende; seine scheinbare Schwäche am Kreuz wird zu seiner Stärke; er überwindet jedes Unrecht und jeden Gegner; er gibt allen Kraft und Stärke, die an ihn und seine Worte glauben. Das Kreuz wird damit nicht nur ein Zeichen der Zugehörigkeit und des Schutzes wie bei den Juden, sondern ein Zeichen des Sieges, der Überwindung des Leidens und Todes und des Triumphes, daher wurde es später oft mit Edelsteinen geschmückt.

In den ersten Jahrhunderten gab es noch keine Darstellungen von Christus am Kreuz, anfangs war das Bekenntnis zu dem neuen Glauben und ihren Zeichen wohl eher lebensgefährlich, Christenverfolgungen gab es bis in das 4. Jahrhundert. Auch fürchteten die frühen Christen den Spott der mehrheitlich Andersgläubigen. Mit dem Bau der ersten Basilika über dem Grab Christi und den Pilgerzügen begann auch die Verbreitung und Verehrung des Kreuzes. Bei den ersten Darstellungen der Kreuzigung um 430 ist sie Teil der Geschichte über das Leben Jesu und weiterer Personen aus der Bibel. Erst später konzentrieren sich die Künstler ganz auf Christus und das Kreuz. In der abendländischen Kirche wird der Opfertod am Kreuz von Jesus Christus, mit dem er die Vergehen der Menschen gesühnt hat, zum Mittelpunkt und Zeichen der Heilsgeschichte für alle gläubigen Christen. Christus flüchtet und kuscht nicht vor der Macht, dem Hohn und Spott, er ruft nicht zu Kampf und Gegengewalt auf, sondern zur Liebe zu Gott und untereinander. Das ist neu und anders, ein wirklich neuer Weg für die Menschen aller Länder und Zeiten. Das Kreuz ist dafür das deutliche Zeichen, es wird auch ohne figürliche Darstellungen verstanden.

In den verschiedenen Kreuzigungsdarstellungen aus unterschiedlichen Zeiten in der Kirche Adelby spiegeln sich die Auffassungen und Sichtweisen der Künstler und ihrer Zeit wieder. Verschiedene Deutungen sind möglich, sie alle wollen aber eines deutlich machen: die Überwindung des Leidens und Todes im Zeichen des Kreuzes, die Gegenwart von Christus unter uns. Das Kreuz ist den Christen eine ständige Erinnerung und Mahnung, Christus Worten und Taten nachzufolgen, ihn zum Leitbild des eigenen Lebens und der Gemeinschaft zu machen. Freuen wir uns an den verschiedenen Darstellungen in unserer Kirche und sehen Sie sich diese einmal genauer an. Es lohnt sich in jeder Hinsicht!

Der Altar und die Kanzel in der St. Johanneskirche zu Adelby von Eike Fischer

 

Der Name „Altar" kommt vom lateinischen "altare" und bedeutet "Aufsatz" auf einem Tisch (mensa). Früher wurde auf einem Altartisch den Göttern/Gott geopfert, heute ist er der "Tisch des Herrn" mit der Bibel, Kerzen und Blumen, vor dem gebetet und das Abendmahl gefeiert wird.

Die Konfirmandengruppe fand den farbigen Altar, der 1779 in der Flensburger Werkstatt des Bildhauers Friedrich Windekilde aus Holz geschnitzt und bemalt wurde, sehr eindrucksvoll und passend zur Kirche. Auch das teilweise mit Goldfarbe verzierte Rankenwerk - typisch für die Rokokozeit - das Weintrauben und Getreideähren und Rosen darstellt, hat biblischen Bezug.

Im Mittelpunkt steht ein Kruzifix mit einer bemalten Christusfigur am Kreuz mit einer Dornenkrone, viel kleiner und feiner geschnitzt als das große Kruzifix, das vor dem Altarraum von der Decke hängt. Oben am Kreuz die Inschrift I.N.R.I. bedeutet IESUS NAZARENUS REX IVDAORVM - Jesus von Nazareth, König der Juden - als Grund für seine vermeintliche Schuld und die Kreuzigung, zur Abschreckung und zum Spott. Das Kruzifix hängt vor einer gemalten Landschaft, die Golgatha, die Hinrichtungsstätte darstellt.

Darüber das "Auge Gottes", ein gemaltes Auge in einem Dreieck auf einer Wolke, umgeben von drei Engelsköpfen, fanden die Jugendlichen sofort. Das Auge blickt in die Gemeinde, wacht über allem und jedem.

Ganz oben ein Schild mit der Inschrift "Soli Deo Gloria" - Allein zur Ehre Gottes. Auf dem Bild unter dem Kruzifix ist Jesus beim Abendmahl mit seinen Jüngern zu sehen, einige sehen den Bildbetrachter an. Und damit auch die Gemeinde, die zum Abendmahl zum Altar kommt und sie damit einbezieht.

Der Altar und Altarraum sind, wie in anderen Kirchen auch, nach Osten ausgerichtet, dort wo das Licht und damit die Verkündigung herkommt. Er ist noch heute für alle Besucher der Kirche, auch für junge Leute, der beeindruckende Mittelpunkt der Kirche. Früher war der Altarraum anders gestaltet, z.B. mit der Orgel bestückt, die später auf die Empore nach hinten versetzt wurde.

Die aus Eichenholz geschnitzte, dunkel gebeizte Kanzel ist an der Südseite der Kirche über den ersten Bankreihen mit Blick über den Innenraum angebracht. Das Wort "Kanzel" kommt vom lateinischen cancer - Gitter, ein "cancelli" ist ein von Schranken umgebener Raum. Sie ist damit ein erhöhter, halbhoher Raum zur Verkündigung von Gottes Wort und der Predigt. Andere Bedeutungen sind Rednerpult, Vorsprünge in einer Felswand, Jagdhochsitz, Pilotenkanzel.

Die Kanzel besteht aus einer Zugangstür, einer Holztreppe, dem eckigen Kanzelkorb, darüber einem geschnitzten Schalldeckel und einer Seitenwandtafel.

Vor der Treppe zur Kanzel geht es durch eine hohe Tür, auf der an der Innenseite der Spruch steht: Ich bin die Thür. So Jemand dürch mich eingehet, der wird seelig werden, und wird eyn und auß gehen, und Weyde finden. Joh.10 V.9 und die Jahreszahl 1682. Die Holztafel an der Seitenwand stellt Gott als bärtige Vaterfigur dar mit einer Weltkugel in der linken Hand und der zum Schwur mit drei nach oben gespreizten Fingern erhobenen rechten Hand.

Von dem Schalldeckel hängt ein geschnitzter Vogel herab, wohl eine Taube, ein Sinnbild für die Botschaft Gottes und den heiligen Geist, der Richtung Gemeinde zeigt. Drei Engelsköpfe zieren den Deckel, auf einem schrägen, beleuchteten Pult lassen sich der Predigttext oder die Bibel ablegen. So ist der Prediger in der Kanzel umgeben von biblischen Gestalten und Symbolen.

Das geht außen weiter. Auffällig ist zunächst die goldfarbene Inschrift auf den fünf langen Holztafeln in Großbuchstaben: HERR DEIN WORT BLEIBET EWIG. Alle Tafeln zeigen in Wort und Bild Geschichten aus der Bibel, die sich so auch Analphabeten erschließen.

Die erste zeigt ADAM UND EVA, unbekleidet stehend im Paradies vor dem Baum der Erkenntnis, Eva hält Adam den Apfel hin. Die Schlange ringelt sich den Baum hoch, unten sind weitere Tiere erkennbar - ein Pferd, ein Löwe, ein Elefant, ein Hund.

Die zweite Tafel zeigt DIE GEBURT: Jesus liegt als kleines nacktes Kind auf einer Kiste mit Stroh, daneben steht Maria, darüber ist ein Engel vom Himmel kommend mit noch einem nackten Kind in den Armen dargestellt, so als ob er das Kind gerade vom Himmel bringen will.

Auf der nächsten Tafel folgt DIE CREUTZIGUNG: Jesus am Kreuz, darunter sind drei Menschen erkennbar, eine im Gebet.

Es folgt DIE AUFERSTEHUNG, ein sehr lebhaftes Reliefbild, auf dem Jesus in einem Strahlenkranz nach oben strebt, in der Hand hält er eine Stange mit einem Kreuz, darunter sind Soldaten mit Helmen und Schwertern zu sehen, teilweise hingefallen und die Hand schützend vor den Augen, geblendet vor einem kastenartigen Schrein, ringsum sind Wolken und Rauch zu sehen sowie ein Engelkopf.

Die letzte Tafel zeigt DIE SENDUNG DES H:GEISTES: unter einem Engelkopf gehen von einer aufstrebenden Taube Strahlen auf zehn Personen in Faltengewändern aus, darunter in der Mitte eine betende Frau.

Alle Figuren sind naturnah und ausdrucksvoll dargestellt, vor allem die oft sehr kleinen Gesichter- ein Zeichen hoher Handwerkskunst und individueller Gestaltung! Alle Bildtafeln werden von sechs weiteren Figuren begrenzt und umrahmt, die die christlichen Tugenden wie z.B. die Demut, das Gebet und die Frömmigkeit sowie Moses und Johannes den Täufer darstellen sollen. Darunter zieren den Umlauf einige Köpfe mit sehr unterschiedlichen Gesichtsausdrücken von Heiterkeit bis Wut oder Ärger - menschliche Temperamente, die durchaus zu einer Rednerkanzel und ihren Zuhörern passen. Den Abschluss bildet unter dem Kanzelboden ein dicker Holzzapfen, an dem sich sicher schon mal ein darunter sitzender Zuhörer den Kopf gestoßen hat.

 

St. Johannis - Namenspatron unserer Kirche

 

Der Rufer in der Wüste

„Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!“ (Matthäus 3,3) Dieses Jesaja-Zitat ruft Johannes in der Wüste aus. Und seine Beschreibung klingt abenteuerlich: „Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.“

 

Johannes wird zum Wegbereiter Jesu. Er öffnete die Türen und macht die Tore weit. Er predigt Umkehr, ein erneuertes, gerechteres Leben und führt die Taufe als Zeichen der Buße ein. Jesus lässt sich von ihm im Jordan taufen und beginnt so seine Mission. Es gibt Belege, die Historiker immer wieder vermuten lassen, dass Jesus zunächst Schüler des Johannes war, bis er sich radikalisierte, selbst als Lehrer Schüler um sich versammelte und so in Konkurrenz zur Gruppe um Johannes stand.

 

In den Evangelien wird Johannes ganz in die Heilsgeschichte hineingenommen. Vor allem Lukas parallelisiert das Leben des Johannes und das Jesu. Schon die schwangeren Mütter Elisabeth und Maria treffen sich und die ungeborenen Kinder, Verwandte, erkennen sich bereits.

 

So wird Johannes zum Wegbereiter, jemand der auf den Sohn Gottes verweist. In Joh. 3,30 weist Johannes über sich hinaus: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, und wird so zum Glaubensbeispiel der Christenheit. Die Ich-Bezogenheit des Glaubenden soll abnehmen und der Glaube an Jesus Christus zunehmen.

Die vielleicht bekannteste Johannes-Darstellung findet man in Colmar in der Kreuzigungsszene auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Mit überlangem Finger verweist Johannes auf den Gekreuzigten. Der Namenspatron unserer St. Johannis-Kirche ist als Eichenfigur an der Nordseite des Altarraums präsent. Ca. 1430 entstand die 1,45 m hohe spätgotische Standfigur. Der väterlich weise und gelassen wirkende Johannes hält ein Lamm im Arm und hat das Taufbecken gut im Blick – fast so wie Abraham als Vater des Glaubens – steht Johannes der Taufe Pate. Das Lamm jedoch verweist auf Jesus – das Lamm Gottes – gestorben aus Liebe und Hingabe für uns am Kreuz. Und so weist der Johannes in unserer Kirche zum großen Kreuz über dem an der Decke steht: „Siehe, das ist Gottes Lamm.“ Interessant ist, dass man auch in der jüngeren, als Tochterkirche unserer Kirche entstandenen St.Johanniskirche am Hafermarkt, eine Eichenfigur von ca. 1500 im Altarraum findet. Der Kamelhaarmantel, der ledernde Gürtel und die wilden Tiere sind zu erkennen. Dieser Johannes erscheint allerdings als Prediger mit der Bibel in der Hand. Dabei wirkt er etwas jünger und dynamischer und schaut hier vom Altarraum in das Kirchenschiff. So hört die Gemeinde die Predigt des Johannes.

 

von Pastor Stadtland

 

Dänische Spuren in der Adelbyer Kirche

von Pn. Ea Dal

Wenn die Konfirmanden der dänischen St. Hans Kirche mit mir die Adelbyer Kirche besuchen, in der sie an Christi Himmelfahrt konfirmiert werden sollen, ist eine der Aufgaben, die sie lösen müssen, die Frage: „Woran könnt Ihr sehen, dass der Landesteil Schleswig einmal zu Dänemark gehört hat?“ Das schöne Segelschiff, das in der Kirche hängt, fällt ihnen als erstes auf, denn die Kanonenpforten mit der dänischen Flagge sind ja nicht zu übersehen. Dass der goldene Reiter auf dem Spiegel der Dänenkönig Christian V. (1646-1670 -1699) ist und dass das Schiff seinen Namen „Christianus Quintus“ trägt, muss ich ihnen sagen, es steht ja nicht auf dem Schiff geschrieben. Einige erkennen das goldene C 7 auf dem Kirchturm als ein Königsmonogramm (Christian VII. ,1749-1766-1808) und die dänische Fahne auf dem Bild an der Südseite des Chores sehen sie auch; dass daneben auf der Gedenktafel Frederik Møllers mit einem dänischen Ø geschrieben ist, fällt ihnen nicht sofort auf. Die Sprachgrenze entsprach ungefähr der heutigen Staatsgrenze zwischen Dänemark und Deutschland, obwohl die Landbevölkerung damals und teilweise bis ins 19. Jhd. die dänische Mundart (Sønderjysk) bis zu einer Linie Husum – Schlei sprach. Es wird behauptet – und ich denke, zu Recht dass die heutige Staatsgrenze von der Kirchensprache der Reformation bestimmt wurde.

Nach dem ersten Krieg zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein 1848 -1850, der von Dänemark mit Hilfe der Großmächte gewonnen wurde, wollte die dänische Regierung die dänische Sprache stärken und führte sie 1852 als Kirchen- und Schulsprache in Mittel-schleswig ein. In Adelby wurde 1850 H.C. Lassen Pastor, der seine Erfahrungen in Briefen festgehalten hat. Er war in Nordschleswig geboren worden und setzte das Sprachprogramm trotz einigem Widerstand mit Begeisterung durch. In der Jürgensby-Schule wurde teilweise schon dänisch unterrichtet und Pastor Lassen war als Leiter der Schulkommission beeindruckt von den Sprachkenntnissen der vielen Konfirmanden, die im Laufe der Jahre alle dänisch konfirmiert wurden, obwohl die Möglichkeit bestand, deutsch konfirmiert zu werden. Die Kasualien* musste Pastor Lassen nämlich in deutscher Sprache abhalten, wenn es gewünscht wurde.

Erwähnenswert ist, dass damals zwar dänisch gepredigt, aber aus dem deutschen Gesangbuch deutsch gesungen wurde. 1861 schreibt Pastor Lassen: „Es freut mich sehr mitteilen zu können, dass das dänische Gesangbuch ab 2. Weihnachtstag bei den dänischen Gottesdiensten hier eingeführt wird. ... Ich habe vorgeschlagen, einen abschließbaren Schrank hinter dem Altar einbauen zu lassen, wo die Liederbücher trocken und sicher liegen können.“ Nach dem Krieg 1864 wurde Pastor Lassen von der neuen preußischen Regierung entlassen und erst seit 1933 wird in der Adelbyer Kirche wieder dänisch gepredigt. Sie war die erste deutsche Kirche, die nach der Abstimmung 1920 für Gottesdienste auch in dänischer Sprache geöffnet wurde. In unserer Zeit werden einige wenige Gottesdienste, wie z.B. Weihnachten, in der Adelbyer Kirche auf Dänisch gefeiert. Eine gute Tradition sind die gemeinsamen dänisch-deutschen Gottesdienste am Gründonnerstag.

* Kasualien = Amtshandlungen wie Trauung, Taufe, Konfirmation etc. (Anmerkung der Redaktion)

Das Votivschiff in St. Johannis zu Adelby

Wenn man durch den Haupteingang die Kirche betritt, fällt sofort ein von der Kirchendecke hängendes prächtiges Schiffsmodell auf, ein „Votivschiff". Die Bezeichnung leitet sich aus dem lateinischen „votum = Gelübde“ ab. Angelehnt an die katholische Tradition der Bitt- und Dankgaben, den „Votivtafeln“, die man vor allem in Kirchen in Süddeutschland findet, wurden „Votivschiffe“ von Kapitänen/Schiffseignern für die Heimatkirche gestiftet, wenn sie dank Gottes Hilfe aus Seenot überlebten oder um mit Gottes Segen zu segeln. Manche wurden aber auch von Gilden und Vereinen zu repräsentativen Zwecken gestiftet. Votivschiffe sind vor allem Modelle von Handels- und auch von Kriegsschiffen. Diese Art ist besonders in Dänemark verbreitet sowie im früher unter dänischer Verwaltung stehenden Landesteil Schleswig, z.B. in der Heilig-Geist-Kirche in Flensburg und der Schifferkirche in Arnis. Hergestellt wurden sie meistens von ehemaligen Seefahrern.

Typisch für die frühen Votivschiffe ist die perspektivische Bauart. Damit sie anschaulich von unten wirkten, wurde der Rumpf im Vergleich zum Original verkleinert, die Takelage aber vergrößert. Die Wehrhaftigkeit von Kriegsschiffen wurde durch vergrößerte Kanonen betont.

Das Votivschiff in der Kirche von Adelby zählt zu den schönsten und ist zugleich das zweitälteste in Nordelbien; das älteste von 1617 hängt in der St. Petri Kirche in Landkirchen auf Fehmarn. Das Adelbyer Schiffsmodell von 1688 ist im barocken Stil aus Holz gefertigt. Es ist ein Vollschiff mit drei Masten und zwei Kanonendecks. An Backbord und Steuerbord befinden sich jeweils 27 Kanonen, im Heckbereich vier weitere. Die Kanonenpforten sind jeweils mit der dänischen Flagge bemalt. Das Schiff ist vielfarbig bemalt und prächtig ausgestattet. Am Bug hängt unter einer hölzernen Welle als Galionsfigur ein Löwe, beide sind vergoldet. Am Heck ist ein Reiter im roten Gewand und mit wehendem Schal zu bewundern. Vom Schiffstyp her ist es eine ,,Fregatte“. Im 17. Jahrhundert diente dieser bewaffnete Schnellsegler als Aufklärungsschiff - ,,das Auge der Flotte“. Es wurde aber auch im Kaperkrieg und zum Schutz und Geleit für eigene Handelsschiffe eingesetzt. Der Stifter ist leider nicht bekannt, die Initiale P.M. am Heck konnten bisher nicht entschlüsselt werden. Ablesbar sind dort aber das Entstehungsjahr 1688 und die Initiale „C V“ des dänischen Königs Christian des Fünften, der von 1670 bis 1699 regierte.

Das Schiff zählt zum Größten seiner Art: es ist 1,50 m lang, 1,65 m hoch und wiegt ca. 50 kg. Das Votivschiff ist ein sehenswertes Schmuckstück in St. Johannis zu Adelby.

Mehrere Restaurierungen dienten der Erhaltung des Schiffes. 1998 konnte durch eine weitere Restaurierung mit 10 Liter Festiger der drohende Verfall verhindert werden. Hierbei wurde auch eine Fälschung beseitigt. In der irrtümlichen Annahme, dass es sich um ein Modell der preußischen Fregatte ,,Friedrich Wilhelm zu Pferde“ (erbaut 1681) handelt, waren die dänischen Flaggen am Schiff übermalt und das Wappen der dänischen Könige durch den Preußischen Adler übermalt worden.

In der Adventszeit singen wir in der Kirche ,,Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord…“. Wir denken dabei auch an die diejenigen, die nicht zu Weihnachten daheim sein können - wie die Seeleute. Das Votivschiff erinnert uns daran.

 

Die Glocken der Kirche Adelby

Weithin tönen die Glocken der Kirche St. Johannis zu Adelby, seit Jahrhunderten ruft ihr Geläute die Gemeinde zu Gottesdiensten, Hochzeiten, Trauerfeiern und anderen Anlässen. Früher von Hand mit dem Seil im hölzernen Glockenturm geläutet, werden sie heute über zwei Läutemaschinen mit Elektromotor gesteuert und bedient.

Wer die steilen hölzernen Treppenstufen im Turm hinaufsteigt, der nach dem Abriß des alten Holzturms 1726 mit den beschlagenen Quadersteinen des Flensburger Stadtturms 1775-1780/81 erbaut wurde, sieht oben in der hölzernen „Glockenstube“ zwei große Glocken aus Bronze nebeneinander hängen. Eine sehr alte, mit von Korrosion und Schwingungen zerfasertem Rand und eine neuere.

In einem Auszug aus dem Flensburger Probsteibuch vom Jahre 1538 heißt es: „De kercke Adelbu hefft entfangen von Mester Geerdt von Maruelt eyne klocke vor hundert mc lubisch, de sze eme schuldich syn...Gesceven anno 53, 16. May, und is betalet anno 61.“ Meister Gerd von Marveldt ist ein bekannter Glockengießer jener Tage, aus dessen Werkstatt auch die Adelbyer Glocke von 1553 stammt. Am Hals zwischen zwei Kordelbändern trägt sie die Inschrift „CHRISTE O REX GLORIE VENI CUM PACE“ (Christus o König der Ehre komm mit Frieden) .

Andere schriftliche Quellen geben eine weitere von Claus Asmussen in Husum gegossene Glocke von 1678 an, die 1902 gesprungen war und entfernt wurde. Der Grossherzoglich Sächsische Hof-Glockengießermeister Franz Schilling aus Apolda in Thüringen macht der „wohllöblichen Gemeinde Adelby“ am 28. Januar 1902 einen „Kostenanschlag über die Lieferung einer großen Kirchenglocke mit dem Gewicht von 1100 Kilogramm, sie soll den Ton e erhalten und 2310 Mark kosten, dazu kommen zwei Klöppel, 2 Joch (hölzerne Tragebalken), Riemen und Kleinmaterial. Die alte defekte Glocke von 600 Kilo nimmt er in Zahlung und gibt für die neue Glocke aus 78% Kupfer und 22% Zinn eine Garantie für 10 Jahre und gestattet ein 24stündiges Probeläuten bei Ablieferung – was da wohl die Leute gedacht haben mögen! Diese Glocke wurde am 28.6.1917 an das Amt Adelby, Landkreis Flensburg abgeliefert und für Kriegszwecke im ersten Weltkrieg eingeschmolzen.

Die zweite Ersatz-Glocke wurde erst 1962/63 im Rahmen der umfassenden Renovierungsarbeiten der Kirche in Auftrag gegeben. Die neue Glocke hat die Glockengießerei in Sinn im Dillkreis in Hessen gegossen, sie hat einen Durchmesser von 1,08 Meter und wiegt 14 Zentner. Zuvor hatte ein Glockeningenieur in Adelby genau den Grund-, Ober- und Unterton der vorhandenen Glocke festgestellt, um die neue Glocke auf diese abstimmen zu können. Am 21. April 1964 traf die neue Glocke in Adelby ein. Nach dem Einbau im Turm fand eine kleine Begrüßungsfeier vor der Kirche unter der Leitung von Pastor Voll- stedt statt, zu der sich Jungen und Mädchen der Schule Adelby und Gemeindemitglieder versammelt hatten. Die Glocke hat die Umschrift: „Wir haben einen HerrenJesus Christus durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn 1.Kor. 8,6 Kirche zu Adelby 1678/1902/1917/1964“.

In den alten Balken des Turms finden sich ins Holz geritzte Initialen von Menschen, die sich hier verewigen wollten und Jahreszahlen, die ältesten von 1765 und 1826. Trotz ihres feinen Gehörs lassen sich Fledermäuse und die seit Jahren in einem großen Nistkasten im Schalloch brütenden Turmfalken nicht durch das relativ häufige Geläute und die damit verbundenen Schwingungen stören.

In zwei Meldebögen für Bronzeglocken der Kirchen vom 27. April 1940 wird neben der alten großen Glocke eine „alte Meßglocke, schwingend geläutet, im Giebel des Vorhauses im Schalloch“ von 1636 mit 28 cm Durchmesser Ton d aufgeführt. Diese kleine Meß- oder Betglocke über dem heutigen Kircheneingang wurde bis vor einigen Jahren während des Vater Unser geläutet. Sie trägt die Umschrift S.J. ADELBUI ANNO 1636.

Die alljährliche Wartung der Glocken ist der Spezialfirma Herforder Läute-Maschinenfabrik übertragen worden. Das ist notwendig, es müssen regelmäßig die Lederbänder gewartet und geschmiert und der Zustand der Klöppel, die aus weichem Eisen bestehen, überprüft werden. Es kann schon mal vorkommen, dass sich so ein wuchtiger Klöppel beim Läuten löst oder zerbricht.

Die Herstellung und der Gruß von Bronze- glocken ist auch heute noch ein sehr aufwendiger und kostspieliger Vorgang, der hohe Handwerkskunst und Erfahrung erfordert. Innen wird eine Hohlform aus Lehmziegeln gemauert, die Form aus Lehm wird mit einer Innenschablone geglättet, Inschriften mit Wachs aufgebracht und die 1.100 Grad flüssige „Glockenspeise“ an einem Freitag um 15.00 Uhr, in der vermuteten Sterbestunde Jesu, in die Form gegossen - nähere interessante Informationen im Internet unter Wikipedia. Der Dichter Friedrich Schiller hat dies ja ausführlich in seinem Lied von der Glocke beschrieben, das mit den Worten endet:

Ziehet, ziehet, hebt!/

Sie bewegt sich, schwebt/

Freude dieser Stadt bedeute,

Friede sei ihr erst Geläute!“

Das ist auch heute aktuell.

von E. Fischer, D. Hankel & K. Reumann

 


Glockengeläut

You must have Flash Player installed in order to see this player.

Aufnahme: Sebastian Schritt, Trier, 30.5.2010